Klima, Kapital und Gerechtigkeit (Teil 1)
Die ungleiche Hitze: Wer heizt die Krise an – und wer zahlt den Preis?

Es könnte unbequem werden. Sehr unbequem sogar. Wenn man sich mit den Fragen der Klimakrise auseinandersetzt, mit den Ursachen, mit den Auswirkungen, mit den Grundlagen, und auch mit den Beteiligten, dann landet man schließlich bei den Verursachern und den Leidtragenden. Dann landet man bei Fragen der Ungleichheit, der Gerechtigkeit, und auch der Zukunftsperspektive. Ich fürchte nun, dass wir diesen mindestens unbequemen Weg werden gehen müssen und dass wir uns damit beschäftigen müssen, wo eigentlich die tieferen Ursachen liegen, wie die systemischen Zusammenhänge zu verstehen sind, und am Ende natürlich auch, wie wir damit umgehen sollten oder müssen.
In einem früheren Text schrieb ich hier über Klimagerechtigkeit und das Beispiel von Klaus-Michael Kühne, dessen Yachten mehr CO₂ ausstoßen, als ein Durchschnittsdeutscher in tausend Jahren verbrauchen könnte. Das ist zwar irgendwie empörend, aber diese Empörung kann auch lediglich eine unreflektierte Emotion sein. Unterm Strich geht es doch allen inzwischen so ganz allgemein recht gut.
Ich war lange Zeit in der Marketing- und Medienwelt als Selbstständiger tätig. Ich habe den Erfolg gesucht, ich schätze unternehmerische Freiheit, ich weiß, wie sehr ein gesunder Wettbewerb beflügeln kann. Doch ich ringe derzeit mit einer drohenden und mehr als unbequemen Erkenntnis:
Womöglich sind es nicht nur die Auswüchse, sondern die fundamentalen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems selbst, die den Klimawandel bedingen. Und ich gestehe: Ich fürchte mich fast davor, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Denn er führt uns an einen Punkt, an dem wir unsere gesamte Art des Wirtschaftens, des Austauschs von Waren und Dienstleistungen und des Eigentums neu verhandeln werden müssen.
Venedig als Ballsaal: Die Ära der schamlosen Entgrenzung
Ein Bild aus dem Surplus-Magazin (Ausgabe 5, 2025) bringt mein Unbehagen auf den Punkt: Jeff Bezos feiert seine Hochzeit in Venedig. Fast 100 Privatjets fliegen in eine Stadt ein, die gerade wegen der Klimaerhitzung buchstäblich im Meer versinkt. Die Ungleichheitsforscherin Martyna Linartas beschreibt das als eine Klasse, die sich „entgrenzt“ hat: steuerfrei, folgenfrei, schamfrei.
„Neben der aggressiven Steuervermeidung und Ausbeutung seiner Angestellten gibt es ein weiteres Themenfeld, an dem sich die Kritik an der Hochzeit entzündet: die Frage der Umweltzerstörung. Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet Aktivistinnen und Aktivisten von Greenpeace waren, die das Banner zu Steuern ausgerollt haben. Denn Greenpeace setzt sich gemäß dem Verursacherprinzip dafür ein, dass diejenigen, die die Klimakrise im exorbitanten Maße befeuern, von der Politik zur Verantwortung gezogen werden – und zwar durch Steuern auf ihre Vermögen.“
Das ist das Gesicht der Krise 2026. Während die Stadt versinkt, wird sie zur privaten Kulisse für eine Inszenierung von Macht erklärt. Hier werden Gewinne privatisiert und die existenziellen Schäden auf die Allgemeinheit – und die Stadt Venedig – abgewälzt. Wenn wir über Klimaschutz diskutieren, wird uns oft gesagt, wir müssten uns „alle einschränken“. Doch wie passt die Hafermilch-Debatte zu 100 Privatjets über einer sterbenden Lagune?
Die Arithmetik des Wahnsinns: 840 Kilogramm pro Tag
Die aktuellen Zahlen sind kein politisches Manifest, sondern ein ökonomischer Offenbarungseid. Laut dem aktuellen Oxfam-Bericht „Climate Equality: A Planet for the 99%“ verursacht ein Mensch des reichsten 0,1 Prozent pro Tag mehr CO₂-Emissionen als ein Mensch der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung in einem ganzen Jahr.
In Deutschland bedeutet das: Ein Mensch aus dieser Ultra-Elite emittiert jeden Tag rund 840 Kilogramm CO₂. Ein Mensch aus der ärmeren Hälfte kommt auf gerade einmal 2 Kilogramm. Diese Diskrepanz ist mit keinem Fleiß der Welt mehr zu rechtfertigen. Wir reden hier nicht über den Unterschied zwischen einem VW Golf und einem Porsche. Wir reden über den Unterschied zwischen einer Kerze und einem Waldbrand.
Das Spannungsfeld: Warum das kein Neid ist
Wer diese Zahlen nennt, hört sofort den Vorwurf: „Neiddebatte!“
Und ja, ich finde auch, dass Leistung Belohnung verdient. Wer Innovationen vorantreibt, wer Risiken eingeht, soll mehr haben dürfen als der, der nichts tut. Ich finde auch, dass man zu einem gehörigen Ausmaß für sich selber verantwortlich ist, für das eigene Fortkommen, für den eigenen Erfolg im Leben. Das ist Leistungsgerechtigkeit. Allerdings gilt das natürlich nicht unbegrenzt und ohne jeden Kontext. Wenn wir an Kinder aus ärmsten Verhältnissen denken, dann wirkt der Gedanke von Selbstverantwortung nur noch zynisch, und man merkt, dass man sehr differenziert mit diesem Leistungsgedanken umgehen muss.
Aber Eigentum ist natürlich kein absolutes Recht auf Zerstörung der gemeinsamen Lebensgrundlagen.
Es gibt ernst zu nehmende Ökonomen (z.B. Thomas Piketty), die argumentieren sehr schlüssig, dass wir den Klimawandel nicht bekämpfen können, ohne die extreme Vermögenskonzentration anzutasten. Warum? Weil dieser Reichtum nicht unproduktiv im Tresor liegt. Er steckt in Investitionen. Die Emissionen der Reichen sind zu einem guten Teil Investitionsemissionen in fossile Industrien und ressourcenfressende Geschäftsmodelle.
Das Problem ist also systemisch: Die aktuellen Profiteure diktieren die Bedingungen, unter denen wir alle leben müssen. Sie halten am Status Quo fest, weil das System für sie exzellent funktioniert – während es für den Planeten eine drohende Insolvenz bedeutet. Der Spruch ist alt aber trotzdem zutreffend: Gewinne werden privatisiert, die Kosten (Klimaschäden und deren Folgen) werden sozialisiert, das heißt auf alle abgewälzt. In der Sprache der Wirtschaftswissenschaften tauchen diese dann als „externalisierte Kosten“ auf.
A propos Profiteure: Dazu gehören mit Sicherheit alle, die diesen Text hier lesen. Unbequem, oder? Aber es gibt dann doch noch einen gewaltigen Unterschied zwischen uns „Reichen“ der westlichen Mittelschichten und den „Überreichen“, wie auch immer man diese Kategorien definieren mag.
Die Furcht vor der Konsequenz: Müssen wir das Eigentum neu denken?
Jetzt wird es allerdings mehr als unbequem. Wenn wir anerkennen, dass extreme Ungleichheit der Brandbeschleuniger ist, dann müssen wir über den Eigentumsbegriff sprechen. Darf es ein Recht auf ein Eigentum geben, das die Lebensgrundlagen kommender Generationen vernichtet?
Modelle wie „Earth4All“ (Club of Rome) schlagen vor, dass die reichsten zehn Prozent über höchstens 40% des nationalen Einkommen verfügen sollten. Das erfordert Umverteilungen in einem Ausmaß, das ich mir ohne massive soziale Verwerfungen kaum vorstellen kann.
Das ist der Stoff, aus dem normalerweise Revolutionen gemacht werden. Allerdings leben wir in einer Zeit von unerschöpflicher „Kommunikation“, von KI und extrem wirksamen Instrumentenkästen in den Händen von ganz Wenigen. Werden diese Profiteure ihren Einfluss so lange und so perfide nutzen, bis das System unter dem ökologischen Druck kollabiert? Die Geschichte lehrt uns, dass niemand Privilegien gern und freiwillig aufgibt. Ist die Klimakrise die größere Gefahr oder die „Revolution“, die notwendig wäre, um sie noch abzuschwächen? Wegschauen ist auf jeden Fall keine Option mehr. Und wenn dabei die wirksamste und „erfolgreichste“ Wirtschaftsform aller Zeiten auf den Prüfstand muss, und zwar radikal, tja, dann ist das eben so.
Die doppelte Ungerechtigkeit
Wir müssen verstehen, dass die Ungleichheit auch die Folgen diktiert. Während sich Reiche vor der Flut durch Versicherungen, Dämme oder einen Umzug schützen, rutscht die einkommensschwache Familie in die Existenznot. Nicht jeder, der wenig hat, ist daran „selbst schuld“, wie oben schon festgestellt. Oft ist es die schiere Verletzlichkeit in einem System, das für die Starken gebaut wurde.
Verursachung ist also die eine Dimension der Ungleichheit, das Leiden unter den Auswirkungen ist die andere, die ebenfalls extrem ist.
Wenn wir also zum Beispiel über eine CO₂-Steuer diskutieren und parallel dazu über das Klimageld, dann reden wir nicht über Almosen. Sondern über die Rückgabe von Handlungsspielraum an jene, deren Budget durch die Kosten der Transformation am stärksten bedroht ist.
Im Interview mit Roland Vossebrecker haben wir schon über die drei Varianten der Ungerechtigkeit gesprochen:
- Generationenungerechtigkeit: Jetzt lebende Menschen verursachen die Emissionen, die den späteren viele Freiheiten einschränken.
- globale Ungerechtigkeit: Der Norden verbrennt fossile Ressourcen, der globale Süden muss die Folgen vermehrt ausbaden, ohne zu deren Verursachung viel beigetragen zu haben.
- soziale Ungerechtigkeit: Reich und arm und die Verteilung von Ursachen und Auswirkungen.
Fazit: Das Ende der Illusion
Wir müssen also die Illusion aufgeben, dass wir die Klimakrise lösen können, indem wir ein bisschen effizienter werden, während die systemische Ungleichheit weiter wächst. Echter Klimaschutz verlangt offenbar nach einer neuen ökonomischen Architektur. Und zwar auch wenn wir uns vor diesen Gedanken fürchten, wenn wir uns sie sogar kaum vorstellen und ausmalen können.
Doch warum halten wir so verbissen an einem Modell fest, das uns offensichtlich über den Abgrund führt? Das liegt an einer fast religiösen Überzeugung: dem Wachstumszwang. In Teil 2 dieser Serie werden wir unter anderen mit Ulrike Herrmann und Adam Tooze untersuchen, warum „Grüner Kapitalismus“ womöglich eine gefährliche Illusion bleibt und warum wir lernen müssen, Wohlstand ohne das Diktat des ewigen „Mehr“ zu organisieren.
Wir stehen vor der fast unlösbaren Aufgabe, unsere Art des Austauschs neu zu verhandeln. Es wird unbequem. Aber nichts zu tun, wird noch viel mehr als unbequem.





Ein wunderbar aufbereiteter und begründet ausformulierter Artikel.
Sowas teile ich gerne!
Auch, weil GPTZero, ein guter AI Detektor folgendes Ergebnis brachte:
0% AI 5% Mixed 95% HUMAN.
Da applaudiere ich auch als Kritiker der Klimajünger.
Es muss was passieren!
Konsequent.
Und ja: Das muss neu verhandelt werden.
Prädikat: Sehr lesenswert!
Alles lobenswerte und nachvollziehbare Gedanken. Es wird aber nicht, jedenfalls nicht vorläufig, zu einem breiten Umdenken führen aus dem sich eine Verbesserung ableiten lässt. Warum? Weil den meisten Personen die Einsicht zum Verzicht, oder die finanziellen Möglichkeiten, oder beides fehlt. Es ist zu befürchten, dass ein Umdenken erst stattfinden wird, wenn es zu spät ist und sich dann das Recht des Stärkeren durchsetzt. Dann wird es eine Revolution ungeahnten Ausmaßes geben.