Nie wieder nicht richtig hinsehen
Roland Vossebrecker über die Ethik des Genug
Vom Musiker zum Vollzeit-Aktivisten
Da studiert einer Musik, und zwar so richtig, und wird dann irgendwann im Hauptberuf Aktivist. Eine überraschende und bemerkenswerte Karriere also. Als Aktivist macht er sich in drei Bereichen stark:
Holocaust-Bildung
Demokratiebewegung
Klimagerechtigkeit
Sein Name ist Roland Vossebrecker, er ist sechzig Jahre alt und lebt in Bergisch Gladbach. Ich durfte Roland als einen sehr engagierten, ruhigen aber deutlich auftretenden Zeitgenossen kennenlernen, wir hatten ein ausführliches Gespräch, das du als Podcast-Episode anhören kannst. Hier, auf meiner Klimakolumne, oder bei Apple-Podcasts oder Spotify. Es geht um Klimagerechtigkeit, es geht um die Frage, ob diese Gerechtigkeit bei gleichzeitigem Wachstumsprogramm überhaupt möglich ist, und es geht darum, dass wir schon mal anfangen sollten. Mit dem neuen Lebensstil, mit der Suffizienwirtschaft, der Wirtschaft des „Genug“ also.
Für alle, die nicht das ganze Gespräch jetzt gleich in voller Länge anhören können oder wollen, gibt es hier eine kurze Zusammenfassung, ergänzt um ein paar Perspektiven die sich unbedingt anbieten.
Roland Vossebrecker hat also sein Leben als Klavierlehrer gegen das Engagement für Demokratie und Klima eingetauscht, als Komponist und Pianist ist er nach wie vor immer wieder auf Konzertreisen. Seinen Weg hin zum Aktivismus beschreibt er als eine Art Flucht aus der eigenen Bequemlichkeit, hin zu einer INITIATIVE KLIMAGERECHT LEBEN
„Ich merkte irgendwann, dass ich mir selber auf die Nerven gehe. Und zwar weil es dauernd dieses ‚Man-müsste-mal‘ gewesen ist. Ich hatte keine Lust mehr darauf und wollte endlich etwas Konkretes angehen. Deshalb habe ich angefangen, die Ideen für die Initiative zu entwickeln und Verantwortung tatsächlich so im Leben zu implementieren, dass sie Teil des Selbstverständnisses wird.“
Die Unfähigkeit zur Verantwortung: Die Holocaust-Parallele
Roland zieht eine Parallele zwischen der Verdrängung historischer Schuld und unserer heutigen Ignoranz gegenüber Klimafolgen. Ja, ich weiß, solche Parallelen sind immer heikel, sie verharmlosen schnell mal das „Original“, und letztlich sind es natürlich sehr verschiedene Paar Schuhe, die hier verglichen werden. Wenn es allerdings drum geht, genau hin zu sehen, den Kopf nicht vor der eigenen Verantwortung in den Sand zu stecken, dann kann man tatsächlich Ähnliches erkennen und nachvollziehen.
„Die Auseinandersetzung mit den Tätern des Holocaust hat mir drastisch vor Augen geführt, wie virtuos wir unsere eigene Schuld und Verantwortung reflexhaft verdrängen und rechtfertigen können. Wir wollen vielfach einfach nicht anerkennen, was unser Lebensstil in dieser Welt anrichtet – die Ausbeutung, die Kinderarbeit und die Klimazerstörung. Mein ganz persönliches ‚Nie wieder‘ lautet deshalb: Nie wieder nicht richtig hinsehen.“
Dass Roland und seine MitstreiterInnen bei der INITIATIVE KLIMAGERECHT LEBEN dieses Bekenntnis ernst nehmen und auch leben wollen, dafür bekommt man ein Gefühl, wenn man sich den „Vertrag mit mir selbst“ anschaut, den man auf der Website der Initiative ausfüllen oder auch zum Eigengebrauch downloaden kann. Da will jemand für seine Ideen, Ideale und Werte gerade stehen, auch wenn das die eine oder andere Einschränkung bedeutet. Auch wenn es unbequem werden könnte. Klingt nach Idealismus? Na wenn schon…
Mir sind solche Menschen jedenfalls zehnmal lieber als diejenigen, die jede Verantwortung von sich weisen und eine der vielen, vielen Ausreden aufsagen: Aber die anderen, hilft eh nichts, Rückschritt geht gar nicht, was kann ich schon ausrichten…
Was ist eigentlich Klimaungerechtigkeit?
Wenn man sich über Gerechtigkeit Gedanken macht, ist es naheliegend, auch kurz zu überlegen, welche Ungerechtigkeiten denn so schlimm sind und warum. „Klimaungerechtigkeit“, so heißt sogar ein ganzes Buch von Friederike Otto, das ziemlich aktuell ist. Friederike Otto ist maßgeblich an der Entwicklung der sogenannten Attributionsforschung beteiligt, sie sammelt also wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, welchen Anteil der Klimawandel an den inzwischen vielfältigen Extremwetterereignissen hat. Sie beschreibt sehr genau, warum bestimmte Wetterkapriolen ohne den menschengemachten Klimawandel schlicht unmöglich wären. Und dass diese extremen Ereignisse mit ihren schrecklichen Auswirkungen ganz häufig gerade diejenigen erwischen, die am wenigsten mit der Verursachung der Erderwärmung zu tun haben.
Roland Vossebrecker differenziert drei Achsen, auf denen man die Varianten der Ungerechtigkeit aufreihen kann:
Generationengerechtigkeit: Die aktuell lebenden Generationen in den Industrienationen beeinträchtigen mit ihrer emissionsreichen Lebensweise das Leben zukünftiger Generationen.
globale Gerechtigkeit: Der reiche Norden hat historisch gesehen einen Großteil der Emissionen zu verantworten, die Länder des globalen Südens müssen die Folgen ausbaden, ohne wesentlich zu den Verursachern zu gehören
Soziale Gerechtigkeit: Auch innerhalb der aktuellen Gesellschaften sind die Anteile an der Verursachung extrem ungleich verteilt. Ganz aktuell ging ja am zehnten Januar (2026) die Meldung rum, dass das reichste Prozent der Menschheit sein jährliches Budget für Treibhausgas-Emissionen schon aufgebraucht hat. Nach zehn Tagen!
„Wir müssen begreifen, dass unser Überfluss und Luxus nicht normal sind. Er basiert auf der Verbrennung von Kohlenstoff und auf kolonialen Strukturen, die bis heute wirken und für massive Ungerechtigkeit sorgen. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, diesen Wohlstand ein Stück weit zu teilen – etwa durch klimagerechtes Spenden an Menschen im globalen Süden, die bereits jetzt von Katastrophen betroffen sind.“
Das Ende des Wachstumswahns: Suffizienz als Lösung
Wie viel ist genug? Klimagerechtigkeit ist ein Verteilungsthema, und nachdem sich die zu verteilende Menge vermutlich nicht unbegrenzt vermehren lässt, werden wir auf Dauer nicht darum herumkommen zu entscheiden, wann denn nun genug ist. Genug an Emissionen, genug an Konsum, an Produktionsvolumina, an Mobilität und Naturverbrauch.
Die INITIATIVE KLIMAGERECHT LEBEN, die Roland Vossebrecker so engagiert arbeitet, steht in regem Austausch mit den Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung.
Von diesem hochkarätig besetzten Gremium gibt es ein eigentlich spektakuläres Diskussionspapier mit dem Titel „Suffizienz als ‚Strategie des Genug‘ “. Darin wird die These beschrieben und auch sehr gut begründet, dass Klimagerechtigkeit ohne Reduktion nicht zu haben sein wird. Ohne Reduktion von Ressourcenverbrauch, von Warenproduktion, von Konsum und Verschwendung. Suffizienz ist hier also das Schlagwort.
„Effizienz bedeutet, Dinge besser zu machen – Konsistenz, sie anders zu machen, wie beim Elektroauto. Aber Suffizienz ist das absolute Weniger im Ressourcenverbrauch. Ohne dieses ‚Weniger‘ wird es nichts mit der Rettung unserer Lebensgrundlagen, denn die technischen Einsparungen werden regelmäßig durch den Rebound-Effekt aufgefressen: Wenn Autos effizienter werden, baut man sie einfach größer, und der Spareffekt ist weg….
… Was eben dieses Papier jetzt darlegt ist, dass es ohne Suffizienz, ohne ein weniger von alledem nichts wird mit der Rettung unserer Lebensgrundlagen. Da stehen Thesen, die ganz klar deutlich machen, dass es nicht funktionieren wird innerhalb der gesetzten planetaren Grenzen unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, wenn wir nicht wirklich massiv ans Reduzieren des absoluten Ressourcenverbrauchs rangehen. Weitere Thesen des Papiers, die ich sehr spektakulär finde: Es wird die ethisch-moralische Frage dort diskutiert, das heißt dass ein hoher Ressourcenverbrauch die Freiheitsrechte anderer Menschen ignoriert und beeinträchtigt und dass es dafür keine moralische Rechtfertigung geben darf…“
Die ethisch-moralischen Implikationen waren schon einmal Grundlage eines spektakulären Urteils des Bundesverfassungsgerichts von 2021. Weitere Klimaklagen sind unterwegs und müssen entschieden werden, nicht als juristische Randerscheinung, sondern als elementare Entscheidungen im Sinne der kommenden Generationen.
Ein Gewinn an Lebensqualität
So, jetzt wird es ernst. Wie gehen wir um mit diesen ethisch-moralischen Ergebnissen, mit den Empfehlungen des Umweltrats, mit der Tatsache, dass eben diese Empfehlungen auf höchster politischer Ebene kaum diskutiert werden, weil man damit sicher keine Wahlen gewinnen kann?
Die Idee und die Hoffnung ist, dass Weniger tatsächlich Mehr ist. Dass nicht nur ökologische und ethisch-moralische Gründe dafür sprechen, zu reduzieren, sondern teilweise auch ganz pragmatisch-egoistische. Weniger Mobilität ist mehr Ruhe. Weniger Konsum ist mehr Wertschätzung. Weniger Gier ist mehr Zufriedenheit. So oder so ähnlich klingen die Glaubenssätze der Postwachstums-Fans. Wer auch immer aus welchen Gründen auch immer eine Form von Suffizienzwirtschaft für den richtigen Weg hält, muss diesen Weg natürlich schon mal erkunden, das heißt vorangehen. Das tut Roland, das tun auch die Menschen, die sich der INITIATIVE KLIMAGERECHT LEBEN angeschlossen haben oder verbunden fühlen.
„Suffizienz ist so viel mehr als nur Verzicht. Wenn wir uns aus diesem Konsum-Wahnsinn und der permanenten Werbung entziehen, führt das nicht zu einem Einbruch der Lebensqualität. Im Gegenteil: Das Leben wird besser, sinnvoller und entrümpelter. Wir hätten sauberere Luft, verkehrsberuhigte Städte und ein ganz anderes Verhältnis zu Arbeit und Zeit. Wir müssen den Mut haben, diese Utopie eines solidarischen Lebens zu formulieren.“
Man kann natürlich eine weitere Runde darüber diskutieren, ob individuelle Verhaltensänderungen oder politische, systematische Transformationen den entscheidenden Hebel bieten, ob es irgendeine Rolle spielt, wenn da jemand in Bergisch-Gladbach mit dem Lastenfahrrad statt mit dem Auto unterwegs ist. Roland gibt zu, dass es je nach Lebensphase natürlich unterschiedlich schwer ist, umweltverträglich zu konsumieren. Aber er weist auch zu Recht darauf hin, dass „das System“ letztlich aus uns allen, jeweils einzelnen Personen besteht. Und dass Veränderungen immer von einzelnen ausgehen und dann hoffentlich andere infizieren und motivieren. Und dass man sehr gut das eine machen und das andere deswegen nicht lassen sollte.
Das eigene, starke Gefühl, dass eben nicht alles umsonst ist, dass man sehr wohl auch im Kleinen etwas bewirken kann, dieses Gefühl ist es, was Roland und seine MitstreiterInnen und viele von uns vermutlich immer wieder motiviert.
Und wenn du eine kleine Motivationshilfe brauchst, darf ich an meine Checkliste erinnern: „Klimakrise - was kann ich selber tun?“
„Im Sommer 2022 war die erste Aktion, die wir gemacht haben. Wir standen mit unserem Stand auf Marktplatz und haben Leute angesprochen. Und nach zweieinhalb Jahren haben wir begonnen, mit dem Sachverständigenrat für Umweltfragen zu kooperieren. Das heißt, da ist schon einiges geschehen und das ist schon schön, dass man tatsächlich ein bisschen was bewirkt“




