Hitze in Städten
Warum wir das fossile Betriebssystem unserer Städte neu verhandeln müssen
Bismarckplatz, Gesandtenstraße, Haidplatz, ein lauschiger Tag im Mai in Regensburg, das ist die Stadt, in deren Nähe ich seit einigen Jahrzehnten lebe, und zwar sehr gerne lebe. Lauschig ist da allerdings diesmal jedoch nichts, ein entspannter Spaziergang durch die schattigen Gassen unserer historischen Altstadt macht keinen Spaß. Stattdessen gab es Ende Mai dieses Jahres hier einen kleinen Hitzeschock: Das Thermometer kletterte auf exakt 34,0 Grad. Regensburg war damit offiziell der heißeste Ort in ganz Deutschland und hat bundesweit als erste Stadt eine sommerliche Extremmarke geknackt. Was die lokalen Medien gerne noch als „vorgezogenes Traumwetter“ verbuchen, ist in Wahrheit ein brutaler, physikalischer Weckruf. Die Klimakrise ist kein abstraktes Zukunftsszenario für das Jahr 2100 und kein Problem, das nur ferne Pazifikinseln betrifft. Sie ist eine ziemlich heiße Realität – hier und heute, direkt auf unserem altstädtischen Kopfsteinpflaster.
Damit sind wir in Regensburg nicht allein. Die Deutsche Umwelthilfe schreibt in einer aktuellen Pressemeldung:
„In fast allen deutschen Städten finden Bürgerinnen und Bürger immer weniger Schutz vor den Folgen der Klimakrise. Das zeigt der Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe (DUH), der in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf den Baum- und Grünflächenbestand sowie die Entwicklung in den Städten legt. Mehr als 900.000 Bäume sind demnach zwischen 2018 und 2025 aus den untersuchten 195 Städten mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern verschwunden.“
Der sogenannte städtische Hitzeinsel-Effekt zeigt uns die physikalischen Grenzen unserer Baupolitik. Große Flächen aus Asphalt, Stahlbeton, manchmal auch aus Kopfsteinpflaster, absorbieren die Sonnenstrahlung und verwandeln dicht bebaute Areale in Wärmespeicher. Gleichzeitig vertreiben oder verhindern wir die natürliche Verdunstungskühlung, denn wo der Boden versiegelt ist, fehlt das Grün, das die Luft abkühlen könnte. Stattdessen blockieren kompakte Riegelbauten die letzten verbliebenen sogenannten Kaltluftschneisen.
Hitze ist allerdings unter anderem eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Während sich Wohlhabendere oft in die grünen, luftigeren Vororte retten können, stecken einkommensschwächere Menschen in den überhitzten Mietwohnungen der am stärksten versiegelten Stadtteile fest.
Die “Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel 2024 (DAS)“ vom Bundesumweltministerium fasst die Auswirkungen der Hitze (nicht nur) in den Städten zusammen:
„…Der DAS Monitoringbericht 2023 zeigt, dass Hitze bereits heute eine besonders gravierende Folge des Klimawandels ist. Hohe Temperaturen haben negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, zum Beispiel kann Hitze vorliegende Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege oder der Nieren verschlimmern sowie direkt hitzebedingte Erkrankungen auslösen. Darüber hinaus können bestimmte Medikamente in Hitzeperioden anders wirken, was negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. In Hitzeperioden wird regelmäßig ein signifikanter Anstieg der Sterbefälle beobachtet. Den größten Anteil hitzebedingter Sterbefälle macht dabei die Altersgruppe ab 75 Jahre aus. Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland vergrößert sich somit die Vulnerabilität der Bevölkerung bei Hitzebelastungen insgesamt…“
Die Schwammstadt-Utopie im bürokratischen Hürdenlauf
Theoretisch haben wir die Lösung für diese Probleme längst in den Schubladen der Planungsämter liegen - die Schwammstadt. Das Prinzip dahinter ist so simpel wie einleuchtend. Weg von den starren Betonrohren, die jeden Tropfen Starkregen möglichst schnell aus der Stadt in die Kanalisation leiten, hin zu einer wassersensiblen Stadtentwicklung, die Niederschläge vor Ort wie ein Schwamm aufsaugt, speichert und an drückenden Hundstagen durch natürliche Verdunstung wie eine gigantische, kostenlose Klimaanlage wirken lässt.
„…Neben zentralisierter Kanalisationen müssen wir zunehmend dezentrale Wasserinfrastrukturen mit multifunktionaler Wirkung gezielt einsetzen. Das können zum Beispiel Gründächer sein, die Gebäude gegen Wärmeverlust isolieren und gleichzeitig Regenwasser zwischenspeichern. Die Verdunstung des Wassers bringt dann bei Hitze zusätzlich einen Kühleffekt…Die Begrünung städtischer Infrastruktur ist also ein weiterer wichtiger Aspekt der Umgestaltung. Fassadenbegrünungen können für eine Wärmedämmung im Winter sorgen sowie für Kühlung durch Verdunstung bei Sonneneinstrahlung; sie spenden Schatten und nehmen dabei noch CO 2 aus der Luft auf. Gründächer und Fassadenbegrünung sorgen wie bepflanzte Hinter- oder Innenhöfe, Stadtbäume und Grünanlagen für Kühlung, sie beschatten, verbessern die Luft und das Stadtklima…“
Da gibt es allerdings noch das „Pflichtaufgaben-Dilemma“. Bund und Länder delegieren die Verantwortung für den Klimaschutz gerne nach unten an die Kommunen. Was sie dabei verschweigen: Klimaanpassung ist gesetzlich bis heute keine kommunale Pflichtaufgabe, sondern eine sogenannte „freiwillige Leistung“. Aber nur, wenn ein Bundesland eine Aufgabe per Gesetz zur Pflicht erklärt, muss es den Kommunen auch das Geld dafür bereitstellen (das sogenannte Konnexitätsprinzip). Wenn im Stadtrat der Haushalt konsolidiert werden muss, fliegt also das Stadtgrün oft aus dem Budget. Die Schwammstadt bleibt oft genau das, was sie im Moment ist: ein schöner, unerfüllter Traum.
Über den Tellerrand: Warum Kosmetik den Kollaps nicht verhindert
Die Wissenschaft fordert die absolute, physische Nullemission bis spätestens 2070. Jedes einzelne städtische Energiesystem muss bis dahin komplett dekarbonisiert sein.
Das bedeutet dann wohl auch das konsequente Ende der autogerechten Stadt. Die Form unserer Straßen und Viertel zementiert unsere Emissionen: Wir müssen weg vom motorisierten Individualverkehr und hin zur dichten, durchmischten „Stadt der kurzen Wege“. Wohnen, Arbeiten und Einkaufen müssen so nah beieinanderliegen, dass das private Auto im Alltag überflüssig wird. Visionäre Metropolen wie beispielsweise Kopenhagen zeigen zudem, was technisch möglich ist: Dort kühlen moderne Fernkältenetze die Häuser mit 80 Prozent weniger Stromverbrauch und 70 Prozent weniger CO₂-Ausstoß als herkömmliche Klimaanlagen, indem sie tiefes Flusswasser und Abwärme nutzen.
Gleichzeitig entscheidet die Materialwahl beim Bauen über das Mikroklima unserer Zukunft. Der weltweite Hunger nach Stahlbeton ist eine ökologische Katastrophe; die Zementproduktion pumpt gigantische Mengen CO₂ in die Atmosphäre.
Eine radikale und längst praxistaugliche Alternative heißt Holzbau. Holz bindet CO₂, anstatt es freizusetzen. Mehr noch: Durch seine physikalischen Eigenschaften heizt es sich schlicht nicht so schnell auf wie Beton und fungiert als natürlicher Hitzepuffer.
Und gegen bestehende Betonwüsten hilft ein verblüffend einfacher Kniff: Cool Roofs – hochreflektierende, weiße Spezialanstriche für unsere Dächer. Wenn wir die dunklen Dächer unserer Innenstädte weiß anstreichen, werfen sie das Sonnenlicht zurück, statt es aufzusaugen.
„…Eine Studie aus Australien hat die Wirkung von Cool Roofs untersucht. Bei einem Bürogebäude mit einem Cool Roof mit einer Albedo (Rückstrahl-Effekt) von 0,6 kann an warmen Sommertagen in Sydney eine Reduzierung der Innentemperatur um 5,1 bis 11,4 °C im Vergleich zu konventionellen Dächern erreicht werden…“
Wie heiß muss es noch werden, so dass Ausreden nicht mehr funktionieren?
Ich kann mich noch an die erste Ölkrise in den siebziger Jahren erinnern. Als Kinder konnten wir damals am Sonntag zu Fuß auf die Autobahn (Fahrverbote). Als dann im Rhein massenweise die Fische starben, dachte ich, jetzt würden alle aufwachen und über die Lebensweise nachdenken. In meiner gesamten bisherigen Lebenszeit gab es immer wieder Umweltkrisen, bei denen man meinen konnte, das wäre jetzt das letzte noch notwendige Signal gewesen. Ein Signal zum Aufwachen, zum Aufstehen, zum Nach- und Umdenken.
So ähnlich geht es mir jetzt auch, wenn ich an die Hitze in den Städten denke und diese ganz konkret erlebe. Wenn die Folgen so greifbar sind, warum gehen wir dann nicht alle gemeinsam auf die Barrikaden? Warum fordern wir nicht lautstark und unnachgiebig das Ende einer fossilen Wirtschaftsweise, die die Zukunft unserer eigenen Enkelkinder verbrennt?
Es gibt natürlich ein paar psychologische Erklärungsmuster, von der kognitiven Dissonanz über alle möglichen „Kopf-in-den-Sand-Strategien“ bis hin zur „erlernten Hilflosigkeit“. Erklärungsmuster also, die beschreiben, warum wir die Hitze in der Stadt aushalten, sie vielleicht durch ein paar schöne Springbrunnen abmildern, aber ansonsten nicht an die Wurzel der Ursachen gehen wollen.
Es ist wohl ein innerer Spagat: Wir wissen um die Krise, aber wir wollen unsere liebgewonnenen Gewohnheiten nicht aufgeben. Also passen wir lieber unsere Überzeugung an unser Verhalten an, anstatt unser Verhalten zu ändern. Wir blenden die Hitze als „schönen Sommer“ aus und schieben die Verantwortung reflexhaft weit weg: Nach Asien, zu den Konzernen oder zu den anderen Generationen. Oder wir kapitulieren vor einer erlernten Hilflosigkeit und sagen uns: „Es ist eh zu spät, mein persönlicher Beitrag ändert doch sowieso nichts mehr.“
Ich bleibe allerdings dabei - es gibt eine Chance, und es gibt eine Verantwortung, auch für die Generationen mit Lebenserfahrung. Wir denken vielleicht an unseren CO2 Abdruck und beruhigen uns mit der einen oder anderen gut gemeinten Änderung der individuellen Lebensweise. Selbst mit radikalem, frustrierendem Dauerverzicht ist allerdings jede Art von Einzelkämpfertum zum Scheitern verurteilt, weil die gesamte Infrastruktur um uns herum massive fossile Spuren hinterlässt.
Wie wäre es, wenn wir neben dem Fußabdruck auch den Handabdruck bedenken? Wir sind keine reinen Konsumenten, wir sind Bürgerinnen und Bürger. Echte Klimawirkung entsteht nicht nur am Supermarktregal, sondern durch gemeinschaftliches Handeln. Wenn wir uns zusammentun, verändern wir die Rahmenbedingungen. Treten wir lokalen Bürgerenergiegenossenschaften bei, unterstützen wir Nachbarschaftsprojekte, gehen wir zu den Stadtrats- und Gemeinderatssitzungen.
Und gehen wir natürlich weiterhin ab und zu in die schönen Innenstädte wie die in Regensburg. Genießen wir dort den unglaublichen Charme der alten und teilweise auch der neuen Architektur. Vielleicht strecken wir auch mal die Zehen in das kühle Nass eines schönen Brunnens, wenn es wieder mal zu heiß ist. Spätestens dann fällt uns auf, wie schön und bewahrenswert unsere Städte sind, und dass wir uns richtig, richtig anstrengen müssen.





