Die Entscheidung zur Zuversicht: Wie wir den Mut nicht an die lauten Pole verlieren
Ein Gespräch mit Kai Schächtele über Polarisierung, Lobby-Tricks und die Kunst, die eigene Kamera zu drehen.
Wer Kai Schächtele zuhört, merkt schnell: Da spricht kein trockener Theoretiker. Da spricht jemand, der das Radiohandwerk von der Pike auf gelernt hat, der als Schwabe seinen Dialekt abgelegt hat, um gehört zu werden, und der heute seine Stimme nutzt, um Brücken zu bauen, wo andere nur Gräben sehen. Kai ist Journalist, Buchautor und „Cultural Producer“ – ein Mensch, der den Wandel nicht nur beschreibt, sondern ihn auf die Bühne bringt.
Ich hatte die Gelegenheit, mit Kai ein Interview zu führen, das als Podcast hier in der Klimakolumne, bei Apple Podcast und bei Spotify zu hören ist.
Natürlich gibt es auch für einen engagierten Profi wie ihn viele Momente, in denen das System hakt. In unserem Gespräch erinnert er sich an seine Zeit beim NDR und eine Produktion zum Pariser Klimagipfel 2015:
„Ich habe gemerkt, dass die mein Radio kaputt gemacht haben. Wir hatten uns Online-Produktionen ausgedacht (anlässlich der Fussball WM), da ging es nie um Fußball, sondern immer um Demokratie und Gerechtigkeit im Schatten der Kommerzspektakel. Später, beim ‚Parisprotokoll‘, hieß es von den Programmmachern: ‚Klimawandel ist leider unsexy.‘ Das war für mich eine ernüchternde Erfahrung. Wenn wir als Gesellschaft auf Augenhöhe mit den Herausforderungen agieren wollen, müssen wir die Welt ansehen, wie sie ist, nicht wie sie sein müsste.“
Das Gift der Schubladen: Das Modell von Bart Brandsma
Ein profilierter Protagonist für Kais Denken ist der niederländische Philosoph Bart Brandsma. Er hat ein Modell entwickelt, um die Dynamik der Polarisierung zu verstehen, die heute oft wie ein „Wir gegen die Anderen“ erscheint. Brandsma unterscheidet fünf Rollen:
die Pusher (die Lautsprecher an den Polen)
-die Joiner (die sich einer Seite anschließen)
die Stillen (die schweigende Mitte)
die Brückenbauer
die Sündenböcke.
Kai erklärt im Interview, warum der klassische Versuch des „Brückenbauens“ oft scheitert:
„Die Pusher an den Polen führen keine Dialoge, sie führen Monologe für ihren eigenen Stamm, um Druck auf die schweigende Mitte auszuüben. Wenn wir versuchen, Brücken zwischen diesen Extremen zu bauen, legitimieren wir oft erst den Konflikt. Brandsma sagt: Wir brauchen eine ‚sechste Position‘. Das ist die Position der Führung für die Mitte. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, dafür die richtigen Worte zu finden und dazu zu ermuntern, gemeinsam nach Lösungen zu suchen – das ist die Aufgabe der Gegenwart.“
Ein greifbares Beispiel für dieses „Gift“ erlebte Kai bei Brot für die Welt. Als er vorschlug, das Fleischangebot in der Kantine zu diskutieren, brach ein Sturm los:
„Da war plötzlich von ‚Zwangsveganisierung‘ die Rede. Ein sachliches Thema wurde sofort zu einer Identitätsfrage hochgejagt, bei der es nur noch Gewinner oder Verlierer zu geben schien.“
Doppelmoral im Maschinenraum des Zweifels
Dass diese Polarisierung oft künstlich befeuert wird, zeigt Kais Besuch beim Prometheus Institut, einem Think-Tank der Gas-Lobby. Dort begegnete er Akteuren wie Frank Schäffler, die öffentlich den „Freiheitsbegriff“ gegen das Heizungsgesetz in Stellung brachten.
„Es ist fast surreal. In den Medien wurde gegen die Wärmepumpe mobilisiert, als wäre sie der Untergang des Abendlandes. Und dann erfährt man, dass genau diese Leute, die öffentlich den Zweifel säen, privat längst auf Wärmepumpen umgerüstet haben. Das ist eine Form von Doppelmoral, die mich wütend macht. Hier wird Freiheit instrumentalisiert, um ein fossiles Geschäftsmodell auszuquetschen, solange es irgendwie geht. Die Strategie ist: Verwirrung stiften, damit alles so bleibt, wie es ist.“
Wer diese Mechanismen tiefer verstehen will, sollte unbedingt in die Episode des Piratensender Powerplay zum Heizungsgesetz reinhören. Es ist die perfekte Ergänzung zu Kais Schilderungen über die „Architekten des Zweifels“.
Die „Frau aus Dresden“: Dialog in der Straßenbahn
Wie bricht man diese Blasen auf? Ein Beispiel das Hoffnung machen kann ist das Projekt metro-polis. Kai erzählt von einer Begegnung in Dresden, die symbolisch für die schweigende Mitte steht. metro-polis ist der „rollende Demokratie-Rat im ÖPNV“, hier geht es unter anderem um ein „Bahnparlament“, um das Miteinander der Generationen oder auch um die „Friedensstadt Dresden“.
„In der Straßenbahn von metro-polis kommen Leute zusammen, die sonst nie miteinander reden würden. Da war diese Frau aus Dresden. Sie war eigentlich für Klimaschutz, aber sie fühlte sich durch die politische Kommunikation so bevormundet, dass sie komplett abgeblockt hat. Sie sagte: ‚Ich will nicht, dass mir jemand sagt, wie ich zu leben habe.‘ Als wir aber anfingen, über ihre eigentlichen Werte und Sorgen zu sprechen – jenseits der Kampfbegriffe der Lobbyisten –, gab es plötzlich einen Raum für Verständigung. Wir müssen lernen, wieder über das zu sprechen, was uns verbindet, statt uns über Schlagworte zu definieren.“
Meine Wut und Kais „Voltairsche Entscheidung“
Tatsächlich habe ich mich in dem gemeinsamen Gespräch auch etwas aufgeregt. Wenn ich sehe, dass die Öl- und Gasbranche täglich Milliardenprofite macht, während sie unsere Zukunft verbrennt, werde ich ehrlich gesagt schon auch mal wütend. Wie soll man da noch Verständnis aufbringen? Einmal mehr empfehle ich dazu das Buch von Christian Stöcker über die „Männer, die die Welt verbrennen“.
Kais Antwort ist sein persönlicher Anker. Nach seinem „Johan-Rockström-Moment“ – der tiefen physischen Bestürzung über die Klimafakten, angeregt durch einen Vortrag des berühmten Klimaforschers Johan Rockström – traf er eine Entscheidung:
„Ich habe beschlossen, zuversichtlich zu sein. Das ist wie bei Voltaire: ‚Ich habe beschlossen, glücklich zu sein, weil es förderlich für die Gesundheit ist.‘ Zuversicht ist kein naiver Optimismus, sie ist ein politischer Akt. Wir können die Augen vor dem Grauen nicht verschließen, aber wir können entscheiden, die Kamera zu drehen. Guck nach den Menschen, die Bestürzung in konstruktive Energie verwandeln. Aufhören, allein zu sein – das ist die wichtigste Medizin gegen die Lähmung.“
Diese Haltung deckt sich mit dem, was ich in Artikeln wie „Es kann auch BESSER werden“ oder „Prima Klima – Good News“ versuche zu vermitteln. Es ist ein Training. Jeden Tag aufs Neue.
Die Nachrichten aus der Welt der Multikrisen treffen uns täglich. Verzweiflung, Depression, Wut, Resignation, das sind alles nachvollziehbare Reaktionen. Es gilt aber trotzdem die Binsenweisheit, dass es nicht hilft, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Haltung, mit der Kai Schächtele durchs Leben geht, auch wenn ihm das natürlich auch längst nicht immer gelingt, ist dazu mindestens eine Art Leitplanke. Eine Entscheidung, zuversichtlich zu sein - wer könnte sie uns verbieten? Das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist ein altbekanntes Konzept, um die Dinge in die Hand zu nehmen, um auf die aktive Seite zu kommen. Auch wenn es manchmal schwer fällt, sehr schwer sogar.
In diesem Sinne lade ich alle LeserInnen dazu ein, sich auszutauschen, ich freue mich auch über Feedback und andere Beispiele für den „Mut zur Zuversicht“.
Hörtipp: Das komplette Gespräch mit all seiner Emotionalität und den vielen praktischen Beispielen findet ihr hier im Podcast. Besonders zum Ende hin, wenn Kai über seine Vision „Mit Blasmusik raus aus der Blase“ spricht, wird klar, wie viel Freude im Widerstand stecken kann.
Weiterführende Links & Quellen
Kai Schächtele: kaischaechtele.de & sein Substack „Das Glück, der Schmerz und was das mit Politik zu tun hat“.
metro-polis: metro-polis.online – Ein Projekt, das den Dialog in die Mitte der Gesellschaft bringt.
Bart Brandsma: Hintergrundinfos zum Modell der Polarisierung auf klimafakten.de.
Piratensender Powerplay: Episode zum Heizungsgesetz – Eine tiefgehende Analyse der Lobby-Narrative.
vollehalle: vollehalle.de – Die Show für neuen Mut.
Buchtipp: Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen.



