Wald und Klima: Zwischen Klimakrise, Handwerk und falscher Romantik
Ein Blick hinter die Kulissen unserer „grünen Lunge“ anlässlich des Gesprächs mit Ulrich Matschke, Förster im Ruhestand
Der Wald ist für viele von uns ein Ort der Ruhe, ein unberührtes Ökosystem und für manche auch ein Retter in der Klimakrise, der unsere Sünden bereitwillig wegschnauft. Doch wer in den vergangenen Jahren mit offenen Augen durch deutsche Reviere gegangen ist, merkt schnell, dass dieses Bild einige Risse bekommen hat. Um zu verstehen, wie es wirklich um unseren Wald steht und wo der Hebel für die Zukunft liegt, habe ich mit jemandem gesprochen, der die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wie kaum ein anderer kennt.
Das komplette Interview kann man als Podcast hören. Im folgenden Text will ich die wichtigsten Eckpunkte das Gesprächs und auch noch ein paar weiterführende Perspektiven ergänzen.
Ein Leben für den Forst: Wer ist Ulrich Matschke?
Mein Gast in der gleichnamigen Podcast-Episode ist nicht nur ein guter Freund, sondern ein Forstmann durch und durch: Ulrich Matschke, Jahrgang 1955. Nach seiner Jugend im niederbayerischen Passau zog es ihn zum Studium der Forstwirtschaft an die Fachhochschule Weihenstephan. Seine beruflichen Stationen führten ihn unter anderem nach Oberbayern und in die Oberpfalz, doch hängen geblieben ist er schließlich in einer der bekanntesten Waldlandschaften Deutschlands, dem Bayerischen Wald.
Ab 1979 arbeitete Ulrich dort mit Leidenschaft als Revierleiter – zunächst in Schöfweg am Brotjacklriegel und später im nahegelegenen Saldenburg. Über vier Jahrzehnte hinweg hat er die Transformation der bayerischen Forststrukturen miterlebt und die Entwicklungen direkt in der Nachbarschaft zum Nationalpark Bayerischer Wald aktiv mitgestaltet. Ulrich ist aber kein reiner Verwalter. Bereits Anfang der 1980er Jahre engagierte er sich in Bürgerinitiativen gegen das damalige Waldsterben und bringt sich bis heute aktiv in der regionalen Umwelt- und Klimapolitik ein. Seit Kurzem ist er im Ruhestand – doch der Blick für das System Wald lässt einen echten Förster niemals los.
Die Kernpositionen: Handwerk statt Mythen
Im Laufe unseres Gesprächs wurde schnell klar, dass die forstwirtschaftliche Praxis wenig Platz für romantisch-verklärte Theorien lässt. Ulrich vertritt eine zutiefst pragmatische, erfahrungsgestützte Sichtweise auf den Waldumbau, das Wildmanagement und die Holznutzung. Hier sind seine zentralen Positionen:
Die Anpassung an den Standort
Waldumbau funktioniert nicht nach Schema F. Jeder Baum braucht den passenden Boden, die richtige Höhenlage und Feuchtigkeit. Wo früher Fichten-Monokulturen standen, muss heute vorausschauend mit trockenheitsresistenten Arten wie der Douglasie oder der Edelkastanie gearbeitet werden.
Technik als Fortschritt
Der Einsatz gigantischer Vollerntemaschinen (Harvester) wird von Laien oft kritisch gesehen. Für Ulrich überwiegen die Vorteile bei der Arbeitssicherheit und der körperlichen Entlastung massiv. Durch moderne Breitreifen ist der punktuelle Bodendruck einer solchen Maschine heute paradoxerweise oft geringer als der Tritt eines menschlichen Fußes.
Kein Waldumbau ohne Jagd
Das ist Ulrichs wohl am schärfsten diskutierte Position. Wenn wir klimaresistente Mischwälder durch Naturverjüngung aufbauen wollen, müssen die Wildbestände – insbesondere das Rehwild – durch intensive Bejagung reguliert werden. Andernfalls fressen die Tiere die jungen Tannen, Buchen und Eichen systematisch ab.
Drei prägnante O-Töne aus dem Interview:
Zur historischen Dürrekrise ab 2018:
”Und das bedeutet natürlich (...) dass der Wald, wenn man alles zusammengerechnet hat, keine CO2-Senke mehr war, sondern dass er eigentlich mehr emittiert hat, als er aufnehmen sollte. (...) Er ist eigentlich zu einem Schadfaktor geworden, was den Klimawandel anbelangt.”
Zum Bodendruck moderner Forstmaschinen:
„Wenn man das umrechnet, so eine Maschine hat einen geringeren Bodendruck, als wenn ich mit meinen 80 Kilo auf einen weichen Boden steige. Da drücke ich stärker in den Boden rein, als so eine schwere Maschine. Da hat sich wahnsinnig viel getan.“
Kritik an rein passiven Öko-Theorien (u.a. Peter Wohlleben):
„Das funktioniert halt nicht, weil ich solche Waldbestände ja nicht habe. Ich hab ja genau das Problem, Stürme, Kahlflächen. Hier muss ich schnell was machen. Da entsteht eine Kahlschlagflora-Äsung ohne Ende. Und dann sollen dazwischen noch die neuen Baumarten hochkommen. Da muss ich was machen. Entweder zäune ich alles ein oder ich muss jagdlich aktiv werden.“
Aktuelle Daten: Der Waldzustandsbericht 2025
Wie dynamisch die Lage bleibt, zeigt der aktuelle Waldzustandsbericht 2025, der erst vor wenigen Tagen vom Bundesministerium offiziell vorgestellt wurde. Die neuesten Zahlen decken sich ziemlich gut mit Ulrichs forstlicher Intuition und seinen Beobachtungen im Revier:
Die überfällige Verschnaufpause: Der Zustand der deutschen Wälder hat sich im Jahr 2025 dank feuchterer Witterungsphasen vorübergehend stabilisiert. Die natürliche Absterberate sank drastisch von zuvor 86 % auf nun 29 %. Vor allem Fichten und Buchen zeigten leichte Erholungstendenzen bei der Kronenverlichtung.
Die Verschiebung der Probleme: Während die Fichte eine kurze Pause bekommt, schlägt das Pendel an anderer Stelle aus. Die Kiefer entwickelt sich zum neuen Sorgenkind. Ihr Anteil an deutlicher Kronenverlichtung sprang massiv von 24 % auf 31 % nach oben.
Die Trendwende beim Holzaustrag: Bemerkenswert erscheint eine statistische Verschiebung. Erstmals seit dem Beginn der schweren Dürrephase im Jahr 2017 war der Hauptgrund für das Ausscheiden von Bäumen nicht mehr der Borkenkäfer oder akute Sturmschäden, sondern die planmäßige, reguläre Holznutzung. Die Forstwirtschaft agiert also wieder, anstatt nur noch Schäden hinterherzulaufen.
Doch die Wissenschaft warnt eindringlich vor falschem Optimismus.
Das ist keine Entwarnung. Die Substanzverluste und das physiologische Trauma der extremen Trockenjahre sitzen tief in den Waldlandschaften und den Holzkörpern. Das Ökosystem bleibt im fortschreitenden Klimawandel hochgradig anfällig.
Wald ist nicht gleich Wald: Der Blick über den Tellerrand
Im Podcast haben Ulrich und ich fast ausschließlich über den Wald hierzulande gesprochen. Doch um das Gesamtbild zu verstehen, müssen wir den Begriff „Wald“ differenzieren und global betrachten. Denn weltweit existieren völlig unterschiedliche Waldsysteme, die das Klima auf ganz eigene Weise beeinflussen:
Der heimische Wirtschaftswald vs. Nationalpark
In Deutschland balancieren wir zwischen dem aktiv gepflegten „Wirtschaftswald“ (der CO2 langfristig in Holzprodukten wie Häusern sichert und Platz für junge Bäume schafft) und dem „Totalreservat“ (wie dem Nationalpark). Letzterer ist zwar ein Segen für die Artenvielfalt, setzt aber durch die Verrottung riesiger Totholzmengen nach Stürmen oder Käferplagen temporär massiv CO2 frei. Seine wahre Klimastärke liegt in der lokalen Kühlung durch massive Verdunstung.
Die globalen Waldsysteme
Weltweit stehen die Wälder vor völlig anderen Herausforderungen:Die borealen Nadelwälder (Kanada, Sibirien)
Sie leiden massiv unter gigantischen Waldbränden. Diese Brände stoßen Rekordmengen an CO2 aus und zerstören Permafrostböden, was eine gefährliche Feedbackschleife in Gang setzt.
Die tropischen Regenwälder (Amazonas, Kongo-Becken)
Sie sind die ultimativen globalen Klimaanlagen. Durch die massive Rodung und die Erderwärmung drohen jedoch Teile des Amazonas-Regenwaldes von einer CO2-Senke zu einem Netto-Emittenten zu kippen – ein globaler Kipppunkt, der uns alle betrifft.
Was können wir tun? Der Hebel im Alltag
Die Rettung des Waldes ist keine reine Aufgabe für Forstämter und Regierungen. Jede und jeder Einzelne von uns nimmt über den täglichen Konsum und das eigene Verhalten direkten Einfluss auf das System.
Den Wald bewusst erleben: Ulrich plädiert durchaus für das sogenannte „Waldbaden“. Das unmittelbare Erleben der Natur – den Waldboden in den Händen zu halten, an Blättern und Nadeln zu riechen – schafft die psychologische Basis und die tiefe Wertschätzung, die wir für echten Naturschutz brauchen.
Schonender und kluger Umgang mit Holz: Unser Holzbedarf in Deutschland ist gigantisch. Wir importieren rund ein Viertel unseres Verbrauchs aus dem Ausland. Ein bewusster Konsum im Alltag hilft. Das bedeutet zum Beispiel, beim Einkauf im Baumarkt konsequent auf Zertifizierungssysteme wie FSC, PEFC oder Naturland zu achten, um nachhaltige Strukturen zu unterstützen.
Pragmatismus im Alltag: Ulrich nennt ein simples, aber trotzdem relevantes Beispiel aus der Praxis. Wer seinen hölzernen Gartenzaun unlackiert lässt, ermöglicht es, dass das Holz am Ende seines Lebenszyklus ganz natürlich verwittern oder stofflich verwertet werden kann, anstatt als giftiger Sondermüll entsorgt werden zu müssen.
Fazit: Zwischen Demut und Handwerk
Was nehmen wir also mit aus diesem intensiven Gespräch? Der Wald ist weder der bedingungslose Retter, noch ist er dem Untergang geweiht. Er ist ein hochkomplexes System, das für uns alle sehr wichtig ist, das aber auch unsere Unterstützung braucht. Und die Rettung liegt irgendwo zwischen der tiefen Demut vor der Natur und dem mutigen, handwerklichen Eingreifen der Forstwissenschaft und auch der Forstwirtschaft.
Die Natur besitzt eine fundamentale, evolutionäre Kraft zur Regeneration. Wenn es uns gelingt, diese Resilienz mit wissenschaftlich fundiertem, forstlichen Handeln zu kombinieren, dann wird der Waldumbau gelingen.
Weiterführende Informationen & Quellen:
Ergebnisse der 4. Bundeswaldinventur (BWI 4) – Die wichtigsten statistischen Großdaten zum deutschen Wald.
Der aktuelle Waldzustandsbericht – Die detaillierten Zahlen und Analysen des Bundesministeriums zur Kronenverlichtung und den Baumarten.
IPCC Special Report on Climate Change and Land – Wissenschaftliche Hintergründe zur biogeophysikalischen Kühlfunktion globaler Wälder.





Deine fesselnd formulierten Ökobilanzen sind für mich immer wieder ein hilfreicher Kompass für eigenes Ökologie-freundliches Handeln, vielen Dank!