Prima Klima – Juni 2026
Das „Trotzdem“ in einem Monat der Hitzerekorde
Wer sich regelmäßig mit den Daten zur Erderwärmung beschäftigt, kennt das Bedürfnis nach einer Atempause. Die Defizite, die Probleme und die Konflikte sind zu groß und zu dominant, man kann es manchmal nicht mehr hören und lesen. Gleichzeitig erleben wir Rekordtemperaturen, die einem die Luft nehmen. Aber es gibt bei all den schwierigen Meldungen oft ein „Trotzdem“, das dann leicht unter den Tisch fällt.
Beispiel gefällig?
Der Ausbau der Windkraft in Deutschland verlor zwar zuletzt an Dynamik. Im vergangenen Jahr wurden an Land lediglich 4,5 Gigawatt neu zugebaut – wir bleiben damit hinter den eigenen Zielsetzungen zurück. Da zudem schwächere Winde wehten, sank die Erzeugung aus Windkraft um gut drei Prozent, was temporär durch einen höheren Einsatz von Erdgas ausgeglichen werden musste. Analysen wie jene von Agora Energiewende zeigen, dass wir beim Erreichen der Klimaziele derzeit wertvolle Zeit verlieren.
Es ist wichtig, diese Realitäten nicht schönzufärben. Sie bewahren uns vor einer naiven Blauäugigkeit. Aber das ganze Bild schaut dann doch noch etwas anders aus.
Trotzdem:
In der Oster-Ausgabe von „Prima Klima“ habe ich bereits über den Rückgang der Kohleverstromung in Europa berichtet. Dazu passt eine Aktualisierung aus dem Mutterland der Industrialisierung. Großbritannien, die historische Wiege des fossilen Zeitalters, hat vor wenigen Wochen dieses Kapitel nämlich endgültig geschlossen. Noch in den späten 1980er-Jahren stammten rund zwei Drittel des britischen Stroms aus der Verbrennung von Kohle . Heute ist dieser Anteil auf gerade mal 0,1 Prozent geschrumpft . Die Kohleverstromung ist dort faktisch Geschichte, verdrängt durch die rasant gefallenen Kosten der Erneuerbaren .
Wenn ich das schreibe, denke ich an meinen Schwiegervater. Er hat ein paar Jahre seines Berufslebens als Bergmann unter Tage verbracht und uns in der Familie viel von der drückenden Enge und den Gefahren der Tiefe erzählt. Für seine Generation war die Kohle das Fundament, auf dem der gesamte Wohlstand des Westens ruhte. Dass diese Grundlage der Energieerzeugung innerhalb nur einer einzigen Generation fast vollständig verschwinden würde, hätte damals wohl niemand für möglich gehalten.
Und diese Entwicklung ist keine britische Exzentrik, sondern europäische Realität. Im gesamten EU-Verbund sank der Kohlestrom im vergangenen Jahr auf ein historisches Tief von gerade noch 9,2 Prozent. In mittlerweile 19 europäischen Staaten ist die Kohle auf einen Anteil von unter fünf Prozent geschrumpft oder bereits gänzlich aus dem Netz verschwunden.
Klimaschutzprogramm 2026
Das Bundeskabinett hat das neue Klimaschutzprogramm 2026 verabschiedet. Und auch wenn die Kritik aus der Wissenschaft – allen voran von PIK-Direktor Ottmar Edenhofer und dem Thinktank Agora Energiewende – absolut berechtigt ist, dass dieses Programm auf veralteten Daten basiert, die Klimaschutzlücke nicht vollständig schließt und mindestens drei Millionen Tonnen hinter den eigentlich erforderlichen CO₂-Einsparungen zurückbleibt: Es enthält ein paar handfeste Hebel, die man nicht kleinreden sollte.
Insgesamt 67 Einzelmaßnahmen sollen bis 2030 zusätzliche 25 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente einsparen. Ein Kernpunkt ist ein neues 3-Milliarden-Euro-Förderprogramm für Elektroautos, das sich gezielt an Privatleute mit kleinen und mittleren Einkommen richtet. Flankiert wird dies von massiven Investitionen in Höhe von einer halben Milliarde Euro für den beschleunigten Aufbau von Ladesäulen direkt an Mehrfamilienhäusern, vereinfachten Regeln für Solarnetze und dem rechtlichen Rahmen für den geordneten, frühzeitigen Ausstieg aus den Gasverteilnetzen.
Trotzdem:
Eine massive Kritik an der aktuellen Berliner Regierung lässt sich an dieser Stelle allerdings nicht ausblenden. Während die ökonomische Vernunft längst für die Transformation spricht, wird im Wirtschaftsministerium ein erbärmlicher Kampf für die fossile Gasbranche gekämpft. Das Aus vom Verbrenner-Aus soll eine Automobilbranche retten, die den Umschwung zur Elektromobilität verschlafen hat.
Die fossilen Kräfte wehren sich verständlicherweise vehement, um ihre alten Geschäftsmodelle so lange wie möglich auszuquetschen, oft mit Hilfe der Politik. Im Weißen Haus spricht man allen Ernstes von schöner, sauberer Kohle.
„…Our Nation’s beautiful clean coal resources will be critical to meeting the rise in electricity demand…“
…so steht es in der Executive Order des Präsidenten der USA mit der Nummer 14241. Aber der Trend ist gesetzt. Trotz der kurzfristigen Stolpersteine beim heimischen Windausbau zeigt der Blick auf das große Ganze: Die Ära des Rauchs geht zu Ende. Und genau das ist das Fundament für eine realistische Zuversicht.
Indien überholt sich selbst – und die globalen Erwartungen
Es gibt Momente, da fällt es schwer, nicht an der internationalen Klimadiplomatie zu verzweifeln. Wenn wir auf die offiziellen Versprechen blicken, bleibt die Lage ernüchternd: Der unabhängige „Climate Action Tracker“ kam in seiner jüngsten Analyse zu dem Schluss, dass die neu eingereichten nationalen Klimaziele für 2035 in der Summe praktisch keinen Unterschied für die globale Erwärmung machen. Das heißt, sie sind enttäuschend und bringen uns nicht wirklich aus der Gefahrenzone.
Erläuterung: Die nationalen Klimabeiträge, englisch: Nationally Determined Contributions, NDCs, bilden das Herzstück des Pariser Klimaabkommens.
Hinzu kommt, dass die USA als eine der größten Wirtschaftsmächte in ihren Ambitionen drastisch abgerutscht sind und mittlerweile als „critically insufficient“ eingestuft werden, das heißt sie sind derzeit absolut nicht auf dem Pfad in eine klimaneutrale Zukunft. Und schon ist er wieder da, der vertraute Refrain der Skeptiker im eigenen Bekanntenkreis:
„Warum sollen wir uns hierzulande eigentlich anstrengen, wenn die großen, bevölkerungsreichen Nationen nicht mitziehen?“
Trotzdem:
Wer glaubt, dass der Globale Süden in Lethargie verharrt, übersieht, wie sehr die Realität in der Wirklichkeit die zähen diplomatischen Verhandlungen längst überholt hat. Blicken wir nach Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Genau jener kritische „Climate Action Tracker“ lieferte im März 2026 eine überraschende Nachricht: Indien ist bereits jetzt auf dem besten Weg, seine Klimaziele für 2035 schon bis zum Jahr 2030 zu erfüllen – also volle fünf Jahre früher als geplant .
India announced its new 2035 NDC targets in March 2026. Under existing policies, India is likely to achieve its new 2035 target - to increase its non‑fossil capacity to 60% - by, or even before, 2030.
Indien wartet nicht auf den Westen. Genau wie China begreift das Land den massiven Ausbau sauberer Energien längst nicht mehr als moralische Pflicht und Bürde, sondern als rationales Fundament für die eigene ökonomische Unabhängigkeit. Die Erneuerbaren sind schlicht profitabler geworden, und sie sorgen für eine Unabhängigkeit von den fossilen Energielieferanten.
Zivilgesellschaft schlägt Industrie – Tiefseebergbau in Norwegen gestoppt
Wenn es um den Schutz der Meere geht, fällt es mir ehrlich gesagt oft schwer, die Zuversicht zu bewahren. Selbst ein historischer Meilenstein wie das im Januar in Kraft getretene UN-Hochseeschutzabkommen birgt bei genauerem Hinsehen rechtliche Schlupflöcher, die das Risiko von bloßen „Scheinschutzgebieten“ auf dem Papier erhöhen. Zudem gehört Deutschland hierzulande zu den Nachzüglern: Das Bundeskabinett hat die Gesetzentwürfe zwar verabschiedet, aber das parlamentarische Verfahren im Bundestag war Anfang 2026 immer noch nicht final abgeschlossen. Im Windschatten dieser Trägheit drängen Konzerne auf die kommerzielle Ausbeutung des Meeresbodens, während die zuständige internationale Meeresbodenbehörde weiterhin unklare Signale aussendet. Das ökonomische Argument der Rohstoffbranche klingt dabei fast logisch: Wir bräuchten die Mineralien der Tiefsee zwingend, um die globale Energiewende überhaupt finanzieren und vorantreiben zu können.
Trotzdem:
Die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft beweisen gerade, dass ein breites Bündnis stabiler ist als rein extraktive Marktinteressen. Das sind die Interessen derjenigen, die fossile Brennstoffe aus dem Boden holen und verkaufen. Nach langanhaltenden internationalen Protesten hat die norwegische Regierung ihre umstrittenen Pläne zur Öffnung der Arktis für den Tiefseebergbau vorerst komplett gestoppt. Die Norwegische See, ein sensibler Hotspot der Biodiversität, bleibt damit ein geschützter Rückzugsraum, in dem nicht zuletzt die Wale der Arktis vorerst aufatmen können.
Europas Batterie-Tsunami und das Ende der Dunkelflaute
Es ist eine berechtigte Sorge, die Skeptiker oft anbringen: Was nützt uns der ganze Solarboom, wenn das Stromnetz den Überschuss mittags nicht aufnehmen kann und wir saubere Energie ungenutzt abregeln (also verpuffen lassen) müssen? Gleichzeitig warnt die Internationale Energieagentur vor dem wachsenden Energiehunger durch Künstliche Intelligenz und Rechenzentren. Die Angst ist groß, dass wir dadurch in den Abendstunden wieder verstärkt teures Erdgas verbrennen müssen, was das Klima belastet und die Strompreise für uns alle nach oben treibt.
Trotzdem:
Die Lösung ist längst da und skaliert in einem Tempo, das selbst Experten überrascht. Bereits in der Oster-Ausgabe dieser Kolumne haben wir über den “Batterie-Tsunami” und den historischen Preisverfall bei Speichern gesprochen. Doch was wir jetzt auf unserem eigenen Kontinent sehen, sprengt alle Erwartungen. Laut dem Thinktank Ember hat sich die Leistung großer, netzgebundener Batteriespeicher in der EU innerhalb von nur zwei Jahren auf über 10 Gigawatt mehr als verdoppelt.
Auch in Deutschland schreitet der Ausbau dynamisch voran: Das Fraunhofer ISE meldet, dass die Leistung von Großbatteriespeichern allein im Jahr 2025 um 60 Prozent auf rund 3,7 Gigawatt gestiegen ist. Zusammen mit den privaten Heimspeichern puffert hierzulande nun ein gewaltiges Gesamtsystem mit einer Kapazität von fast 25 Gigawattstunden unser Netz. Diese Akkus tun exakt das, was sie sollen: Sie saugen den überschüssigen, sauberen Mittagsstrom auf, senken damit massiv die Kosten und drängen in den Abendstunden das teure Erdgas aus dem Markt. Europas Speicher-Revolution ist so wirtschaftlich attraktiv geworden, dass das alte Schreckgespenst vom “Zappelstrom” endgültig ausgedient hat.
Landwirtschaft & Konsum
Wenn die Diskussion auf die ökologischen Schattenseiten unserer Ernährung fällt, gleitet der öffentliche Diskurs schnell in moralische Grabenkämpfe ab. Uns begegnen emotionale Debatten über die „Klimakiller-Kuh“ oder verengte Diskussionen über den individuellen Hafermilch-Konsum. Dabei gerät leicht aus dem Blick, wie fundamental und strukturell die Transformation in diesem Sektor eigentlich ist. Das Agrar- und Ernährungssystem verursacht rund ein Drittel des globalen Treibhausgasausstoßes. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und den zunehmenden Extremwetterereignisse wie der aktuellen Hitzewelle drohen niedrigere Ernteerträge.
Trotzdem:
Genau in dieser enormen Hebelwirkung liegt eine der größten unterschätzten Chancen für den Klimaschutz. Eine große, im Fachmagazin Nature Food veröffentlichte Modellstudie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat die Systemeffekte präzise durchgerechnet.
Das Forschungsteam identifizierte 23 konkrete Stellschrauben im weltweiten Agrar- und Ernährungssystem. Das verblüffende Ergebnis: Eine entschlossene, konsequente Transformation allein dieses Sektors könnte den globalen Temperaturanstieg bis zum Jahr 2050 auf 1,85 Grad Celsius begrenzen – selbst wenn wir die ebenso unverzichtbare Energiewende für einen Moment beiseite lassen würden.
Dazu müssen wir nicht kollektiv zu Asketen werden. Schon eine einfache Halbierung des Fleischkonsums in den westlichen Industrieländern und eine Reduktion der Lebensmittelverschwendung – bei der derzeit ein Drittel der mühsam erzeugten Kalorien im Müll landet – würden dem System sofort den zerstörerischen Druck nehmen. Der Teller in unseren Wohnzimmern ist kein Nebenschauplatz der Transformation; er ist einer der wirksamsten Hebel, um planetare Grenzen zu wahren und gleichzeitig gesündere, bezahlbare Versorgungsstrukturen für alle zu schaffen.
Fazit – Vom Fußabdruck zum Handabdruck
Der unaufhaltsame Abschied vom Kohlestrom im europäischen Netz, der beispiellose PV-Ausbau in Indien, der Etappensieg der Zivilgesellschaft gegen den Tiefseebergbau in der Arktis oder die stumme, aber gewaltige Speicher-Revolution vor unserer Haustür, sogar die positiven Punkte im neuen Klimaschutzprogramm – all diese Entwicklungen des Frühsommers 2026 zeigen ein Muster. Sie sind keine zufälligen Einzelphänomene. Sie sind die sichtbaren Früchte jahrzehntelanger wissenschaftlicher, juristischer und zivilgesellschaftlicher Vorarbeit.
Bill McKibben, ein renommierter Klimaaktivist der ersten Stunde, erinnert uns in seinen Texten immer wieder daran, dass wir tagtäglich eine bewusste Entscheidung darüber treffen müssen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Intelligenz richten. Lassen wir uns von der unbestreitbaren Düsternis geopolitischer Krisen oder von den Verrücktheiten eines durchgeknallten US-Präsidenten lähmen, oder blicken wir dorthin, wo Physik und Ökonomie bereits begonnen haben, die Geschichte neu zu schreiben? Geschichten und Erzählungen – sei es durch die präzisen Daten der Klimaforschung oder die emotionalen Räume der “Climate Fiction” – haben die Kraft, uns aus der Schockstarre zu befreien und Handlungsbereitschaft zu wecken.
Dabei sollten wir aufhören, uns in gegenseitigen Schuldzuweisungen über den privaten „ökologischen Fußabdruck“ zu verlieren. Dieses Konzept wurde einst von der fossilen Industrie mit enormen Marketingbudgets genau dafür entworfen: damit wir uns mit individuellem Perfektionismus beschäftigen, anstatt die großen, systemischen Hebel in den Blick zu nehmen.
Wir setzen den „ökologischen Handabdruck“ dagegen. Ich will zur Erläuterung noch einmal meine Zwiebelschalen-Checkliste zur Selbstwirksamkeit zitieren. Der Weg von innen nach außen beginnt mit der inneren Haltung und der gezielten Dosierung unseres Nachrichtenkonsums. Es setzt sich fort im Alltag, wenn wir bewusste Konsumentscheidungen treffen. Und es mündet schließlich im gemeinsamen, politischen Wirken: wenn wir uns in Energiegenossenschaften engagieren, in die Politik gehen, uns ehrenamtlich engagieren, Strukturen hinterfragen und unsere Stimmen laut hören lassen.
Es wird auf absehbare Zeit vermutlich nicht einfacher werden, und die nächsten Rückschläge werden genauso sicher kommen wie auch die nächsten Hitzerekorde. Aber auf Dauer kann die Logik der Physik (Treibhausgase und ihre Auswirkungen) nicht durch noch so viel Geld der Fossillobby verschleiert werden. Und - wir machen weiter.
Trotzdem. Trotz allem. Im Interesse unserer Nachkommen und aller anderen Lebewesen. Denn Zuversicht ist kein passiver, zufälliger Zustand, sondern eine Entscheidung.







Hier zur Erheiterung des interessierten Publikums ein ZEIT-Artikel, der sich einmal mehr an den Grünen abarbeitet.
https://www.zeit.de/feuilleton/2026-06/gruenen-hitzewelle-debatte-klimakatastrophe-parteien-bevoelkerung?freebie=eea8ae21