Prima Klima - Ostern 2026
Trotz allem: es gibt sie nach wie vor, die guten Nachrichten zum Thema Klimawandel
In meiner Arbeit für die Klimakolumne laufen mir bei den Recherchen natürlich ständig unzählige Nachrichten und Meldungen über den Schreibtisch. Einige davon lege ich ab, dazu noch viele der Quellen und Studien. In meinem Kategoriensystem für diese Ablage findet sich auch die Kategorie mit den Good News, wobei es oft gar nicht so leicht zu entscheiden ist, ob eine Meldung wirklich in diesem Ordner gehört. Was aber ganz sicher ist, ist dass sich dieser Ordner immer wieder füllt, auch wenn ich überfällige oder nicht mehr ganz so neue Meldungen heraus lösche.
Und ab und zu will ich alle Leserinnen und Leser der Klimakolumne an dieser „Abteilung“ teilhaben lassen, weil sie Mut macht, weil sie in der Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung findet und damit nicht genug Wirkung entfaltet.
Ein paar der folgenden Meldungen unter dem Titel „Prima Klima - Ostern 2026“ verdanke ich einer Anregung von Bill McKibben, einem Klimaaktivisten der ersten Stunde, den ich sehr schätze. In dem entsprechenden Text schreibt Bill allerdings am Anfang über die bewundernswerte Fähigkeit der Menschheit, neue Technologien zu entwickeln, und zwar ausgerechnet am Beispiel einer neuen Waffengattung. Eine neue Superrakete der US-Armee kann über dem Ziel explodieren und dabei eine große Menge an tödlichen Wolfram-Teilchen versprühen, die erste davon wurde in Teheran über dem Mädchengymnasium eingesetzt.
Das ist natürlich alles andere als Good News. Es ist der Blick in einen Abgrund, in eine Düsternis.
Doch McKibben erinnert uns trotz dieses Beispiels an eine andere Realität:
Es geht darum, wohin wir unsere Intelligenz und unsere Technologie lenken. Trotz der Kriege, trotz der fossilen Lobby, die ihre Geschäftsmodelle bis zum letzten Atemzug ausquetschen will, findet gerade eine lautlose Revolution statt.
In dieser Ausgabe von „Prima Klima“ schauen wir nicht weg. Wir verstecken uns nicht vor dem Abgrund und sagen: Trotzdem. Weil Physik und Ökonomie begonnen haben, die Geschichte für uns umzuschreiben. Zumindest existiert diese Perspektive auch.
Der Speicher-Durchbruch (Physik besiegt Ideologie)
Wenn die letzten Jahre im Zeichen von Windrädern und Solarpanels standen, dann gehört dieses Jahr den Batterien. Es war lange das Standardargument der Skeptiker: „Was macht ihr, wenn die Sonne untergeht?“ McKibben zeigt uns ein Diagramm aus Kalifornien, das dieses Argument schlicht in sich zusammenbrechen lässt. Es zeigt einen riesigen gelben Fleck – die Mittagssonne –, der nahtlos in einen violetten Block übergeht: Batterien, die das Stromnetz übernehmen, sobald es dunkel wird. In Kalifornien decken Akkus in den Abendstunden bereits fast die Hälfte des gesamten Bedarfs.
„The huge yellow blob in the middle represents solar generation, the absolutely dominant source of supply from about 8 a.m. to 6:30 p.m. when it drops very quickly to zero. This is a phenomenon called sunset, which used to be the main argument against solar power.
But now look at the purple blob to its right—that’s battery storage coming online as the sun goes down. Those batteries spent the afternoon soaking up sunshine—cheap cheap sunshine—and now they’re distributing it back to the grid. As Californians get home from work, turn on lights, cook dinner, start charging their EVs, and run their frozen margarita machines (I may have an idealized idea of California life), batteries are providing most of the power, outstripping imported power (much of which is renewable too), natural gas, and other sources like nuclear.“
Das Wunderbare daran ist: Das passiert nicht nur im fernen Amerika. In Deutschland erleben wir gerade einen „Batterie-Boom“. Die Preise für Speicher sind innerhalb eines Jahrzehnts um über 90 % gefallen. Batterien sind inzwischen so günstig und effizient, dass sie fossile Gaskraftwerke schlicht aus dem Markt drängen.
Dennoch hören wir immer noch die alten Mythen von der unzuverlässigen Energie. Aber die Physik hat keine Ideologie. Sie wartet nicht auf die Erlaubnis von Lobbyisten. Ein Speicher nach dem anderen macht die fossilen Energiequellen überflüssig.
Deutschland & Europa – Der leise Abschied von der Kohle
Das ist wieder eine dieser Nachrichten, die in der täglichen Flut aus Krisen und Konflikten fast untergehen: Im Jahr 2025 haben Wind- und Solaranlagen in der EU erstmals mehr Strom erzeugt als alle fossilen Brennstoffe zusammen. Wir haben einen echten „Tipping Point“ erreicht. In Deutschland decken die Erneuerbaren inzwischen fast 60 % des öffentlichen Netzes. Photovoltaik hat die Braunkohle als zweitwichtigste Stromquelle überholt.
Wir erinnern uns: Angela Merkel war einst überzeugt, dass Sonne und Wind niemals mehr als 4 % beitragen könnten. Wie gewaltig sie sich geirrt hat.
Und dennoch kleben Lobbyisten an alten Profiten, während die Politik oft zaudert, die Netze schnell genug auszubauen. Doch der Markt spricht eine andere Sprache: In der Branche der Erneuerbaren arbeiten in Deutschland wieder über 400.000 Menschen – das ist echte Wertschöpfung, die bleibt.
Bill McKibben würde sagen: Die Stille der Windräder beginnt den Lärm der Schornsteine zu verdrängen. Wir sehen den Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters, hier bei uns, vor der eigenen Haustür. Ja, die zappeln noch, die schlagen um sich, mit der Macht von sehr, sehr viel Geld, aber - trotzdem.
Globaler Wandel – Das Ende der Pro-Kopf-Lüge
Eines der hartnäckigsten Argumente gegen deutsches Handeln war immer der Verweis auf die „Anderen“: Aber was ist mit China? Was ist mit Indien?. Die Antwort lautet: Dort wird die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts gerade entschieden. China hat im Jahr 2025 so viel Solarkapazität installiert wie Deutschland in 25 Jahren. Das Land erreicht seine Ausbauziele für 2030 voraussichtlich schon heute.
Und - in einigen Ländern sinken die Pro-Kopf-Emissionen deutlich!
Das ist eine beispiellose Verschiebung. Während wir hier über Technologieoffenheit debattieren, überspringt gleichzeitig Afrika das fossile Zeitalter direkt mit billigen chinesischen Modulen. Der Verkauf von Verbrennungsmotoren hat seinen Zenit weltweit bereits 2018 überschritten. Trotzdem erleben wir in den USA gerade den Versuch einer fossilen Restauration, eine „doppelte Abrissbirne“ für den Klimaschutz. Aber McKibben hat recht, wenn er sagt, dass die Physik der Erneuerbaren unaufhaltsam geworden ist, weil sie schlicht profitabler sind. Die Welt riecht immer weniger nach Benzin. Trotz aller Widerstände, trotz aller Rückschläge: Die Sonne schickt keine Rechnung, und die Akkus der Welt füllen sich.
Das Recht als Anker – Der Schutz der Hohen See
Ein historischer Moment ereignete sich am 17. Januar 2026: Das UN-Hochseeschutzabkommen trat offiziell in Kraft. Fast die Hälfte unseres Planeten, die Ozeane jenseits nationaler Grenzen, war bisher ein rechtsfreier Raum. Nun gibt es erstmals einen verbindlichen Rahmen, um zwei Drittel der Weltmeere effektiv zu schützen – ein Raum, der uns allen gehört und 30 Prozent der menschengemachten CO₂-Emissionen schluckt.
Parallel dazu macht der Internationale Gerichtshof in Den Haag unmissverständlich klar: Klimaschutz ist keine freiwillige Option, sondern eine einklagbare völkerrechtliche Pflicht.
Leider erleben wir, wie mächtige Staaten, wie die USA unter Trump oder Russland, dem Gericht die Anerkennung verweigern.
Zusätzlich wackelt die Rechtsstaatlichkeit an vielen Ecken der Welt. Aber wir haben jetzt „rechtliche Munition“. Wie McKibben es für die Technik beschreibt, gilt es auch für das Recht: Wir haben die Werkzeuge geschaffen. Die Frage ist nur, ob wir die Entschlossenheit aufbringen, sie gegen den Widerstand der Fossillobby auch einzusetzen.
Fazit – Dein Handabdruck und das „Trotzdem“ im Kleinen
Der Aufstieg der Batteriespeicher, der Abstieg der Batteriepreise, die explosionsartige Verbreitung der Erneuerbaren in China und anderswo, der Abschied vom Kohlestrom in Deutschland, der zumindest juristische Schutzstatus der Weltmeere und der Rückgang der Pro-Kopf-Emissionen - all das sind natürlich „nur“ wenige Entwicklungen im Vergleich zu den exorbitanten Maßnahmen der Gegenseite. Der Seite, die gegen das Leben, gegen die Zukunft der nachfolgenden Generationen und gegen viele unserer Mit-Lebewesen kämpft, allein aus Gier, aus Profit- und Wachstumswahn.
Bill McKibben erinnert uns allerdings zu Recht daran, dass wir wählen können und müssen: Wohin richten wir unsere Aufmerksamkeit? Lassen wir uns von der „Nacht“ der Kriege und fossilen Zerstörung lähmen, oder blicken wir auf den „Tag“, der durch Batterien, Windkraft und neues Recht anbricht?
Geschichten wie zum Beispiel jene aus dem Literatur-Format der Climate Fiction zeigen uns, dass die Zukunft nicht feststeht, sondern erzählbar und damit veränderbar ist.
Wir müssen aufhören, uns gegenseitig nur auf den ökologischen Fußabdruck zu starren – ein Konzept, das die Industrie erfand, damit wir uns mit Schuldgefühlen beschäftigen, statt die großen Hebel umzulegen. Wir setzen den Handabdruck dagegen. Das bedeutet: Politisch wirken, in Genossenschaften aktiv sein, Gespräche führen und Strukturen verändern.
In meiner Checkliste für Selbstwirksamkeit mit dem Titel “Was kann ich selber tun?” (siehe unten) nenne ich es die Zwiebelschalen: von der inneren Haltung, über den Alltag bis zum gemeinsamen politischen Handeln. Es wird wohl bis auf Weiteres nicht einfacher. Die Rückschläge kommen offenbar immer wieder. Aber wir machen weiter. Trotzdem. Hoffnung ist ein gemeinsamer Prozess. Und los geht’s…







