Klima, Moral und Verantwortung
Der Philosoph Ulf Brüggemann im Gespräch
Je länger und intensiver ich mich mit Klimathemen beschäftige, desto drängender tauchen einige Fragen auf. Fragen zu Anstand und Respekt, zu Moral und Ethik, Fragen zu Verantwortung und Schuld.
Auf Substack, der Plattform auf der ich die Klimakolumne betreibe, bin ich auf Ulf Brüggemann gestoßen, einen promovierten Philosophen. Er betreibt unter anderem ein Portal mit dem Titel „Kategorisch Kant“. Und nachdem der große deutsche Moralphilosoph Immanuel Kant für die wohl wichtigste Regel des Zusammenlebens bekannt ist, habe ich Ulf Brüggemann, den Kant-Spezialisten, um ein Gespräch gebeten. Die Sozialregel, so nenne ich das mal ganz unphilosophisch, heißt: „Was du nicht willst, dass man dir tu…“ oder auch Kategorischer Imperativ.
Das ganze Gespräch mit Ulf Brüggemann gibt es als PodCast zu hören.
Die Fragen, von denen ich weiter oben sprach, könnten zum Beispiel so lauten:
Warum muss sich jemand, der sich für eine lebenswerte Zukunft unserer Nachfahren einsetzt und dies auch kundtut, warum muss sich so jemand als „Gutmensch“ beschimpfen lassen? Wäre es besser, ein „Schlechtmensch“ zu sein?
Wieso wird eine Partei, die sich am konsequentesten von allen Parteien einen realistischen und notwendigen Klimaschutz ins Programm schreibt, warum wird diese Partei als „ideologisch“ gebrandmarkt? Ist es etwa keine Ideologie, wenn man daran glaubt, dass die unsichtbare Hand des Marktes am Ende schon alles richten werde?
Warum sollten wir ZeitgenossInnen, die drei bis vier Mal im Jahr in den Urlaub fliegen und dabei viele Treibhausgase emittieren, warum sollten wir diese Menschen nicht darauf ansprechen? Sind wir dann die „Moralapostel“ mit dem erhobenen Zeigefinger?
Warum wird es als „moralisierend“ bezeichnet, wenn man gut und böse, richtig und falsch in der Frage der Klimagerechtigkeit klar benennt? Sind Kriterien von richtig und falsch nicht in allen Lebensbereichen wichtig, vor allem in den lebenswichtigen wie der Zukunft unseres Weltklimas?
Die Liste der Fragen ließe sich fortsetzen. Fragen rund um Moral, Anstand, Verantwortung, Schuld. Ich habe mit Ulf Brüggemann über solche Fragen diskutiert und ich war überrascht über seine klare und dezidierte Haltung zu Themen der Klima-Ethik.
Moralische Prämissen
Im Gespräch erklärt Ulf einige philosophische Grundlagen der Begriffe Moral und Ethik, er benennt ein paar moralische Prämissen, welche als Grundlagen allen menschlichen Zusammenlebens gelten können.
„Ich komme aus einer Theorieorientierung, die sagt, Moral ist sozusagen eine Art Standpunkt, den wir einnehmen. Ein Standpunkt, in dem man die eigenen Interessen zurücknimmt und einen allgemeineren einnimmt für eine größere Gruppe, ohne eine bestimmte Partei aus dieser Gruppe zu bevorzugen. Das wäre zum Beispiel auch ein sehr, sehr kantischer Ansatz. Das heißt, moralische Normen sind nicht irgendwelche Entitäten, die es irgendwo gibt, sondern das sind die Ergebnisse eines Diskurses, der auf Basis dieses Standpunktes geführt wird. Und wenn man diese Prämisse mal annimmt, dann würde ich sagen, gibt es ganz definitiv moralische Normen, den Klimawandel zu bekämpfen.“
Aus diesem moralischen Standpunkt leitet Ulf zwei sehr simple Prämissen ab, auf die sich eigentlich fast jeder Mensch verständigen können müsste:
Erstens haben wir die Pflicht, anderen keinen schweren Schaden zuzufügen.
Zweitens sind alle Menschen gleich viel wert und haben denselben Anspruch auf ein gutes Leben.
Da wir mit unserem CO2 - intensiven Lebensstil derzeit auf Kosten vulnerabler Gruppen und zukünftiger Generationen leben, ist das schlichtweg moralisch falsch. Und das hat ganz konkrete Konsequenzen für unseren Alltag. Brüggemann bringt es im Podcast trocken auf den Punkt:
Wenn du in Anspruch nimmst, moralisch okay zu handeln, dann folgt daraus zum Beispiel, dass du nicht in die Karibik fliegen solltest.
Der perfekte moralische Sturm und die Ausreden
Aber wenn diese Prämissen so logisch sind, warum tun wir uns dann so unendlich schwer damit, danach zu handeln? Der US-amerikanische Moralphilosoph Stephen M. Gardiner liefert dafür eine bestechende Erklärung, die exakt an Ulfs Analyse anknüpft. Gardiner beschreibt den menschengemachten Klimawandel als den „perfekten moralischen Sturm“.
Es gibt ein berühmtes Buch von S.M.Gardiner mit diesem Titel, das in der Fachwelt rund um die Klimaethik eine große Rolle spielt und nach wie vor heftig diskutiert wird.
Das Bild vom perfekten moralischen Sturm soll verdeutlichen, dass hier drei ziemlich üble Dynamiken zusammenkommen, die unseren Handlungswillen systematisch lähmen:
der globale Sturm: Ursache und Wirkung sind räumlich extrem ungleich verteilt. Die reichen Industrienationen verursachen den Großteil der Emissionen, aber die verheerenden Folgen treffen vorwiegend ärmere und vulnerablere Länder im Globalen Süden. Für den Einzelnen oder einzelne Staaten erscheint es daher „normal“, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen.
der intergenerationelle Sturm: Ursache und Wirkung liegen auch zeitlich weit auseinander. Wir genießen heute unseren CO2 - intensiven Lebensstil und die Wirtschaftskraft, reichen aber den sprichwörtlichen „Schwarzen Peter“ und die enormen Folgekosten einfach an die nächsten Generationen weiter.
der theoretische Sturm: Unsere bisherigen politischen und ökonomischen Institutionen sind mit dieser globalen und generationenübergreifenden Komplexität schlicht überfordert.
Weil dieser „perfekte Sturm“ unsere moralischen Reflexe aushebelt, macht er uns extrem anfällig für das, was Gardiner „moralische Korruption“ nennt. Anstatt die ethische Herausforderung anzunehmen, verführt uns die komplexe Struktur des Problems geradezu dazu, Ausweichstrategien und Ausreden zu erfinden. Wir verstecken uns hinter dem Ausmaß der Krise, beruhigen uns mit völlig unzureichenden politischen Maßnahmen oder missbrauchen die wissenschaftlichen Unsicherheiten, die es eben doch noch an ein paar Stellen gibt, um unsere bequemen Gewohnheiten nicht ändern zu müssen.
Wer soll was tun?
Genau eine solche Ausweichstrategie findet sich überraschenderweise sogar in den höchsten akademischen Kreisen. Die Rechtsphilosophin Frauke Rostalski, die immerhin selbst im Deutschen Ethikrat sitzt, vertritt in ihrem aktuellen Buch die steile These, dass wir als Bürger gar keine Pflicht hätten, unseren CO2 - Ausstoß zu verringern. Ihr Argument liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel für Gardiners moralische Korruption: Das Verhalten des Einzelnen sei global gesehen ohnehin „ineffektiv“, weil erst ein weltweites Gesamtsystem das Problem lösen könne.
Wenn wir trotzdem aufs Fliegen verzichten oder Hafermilch trinken, wertet sie das gerne als bloßes „Moralspektakel“ und elitäres Gehabe ab.
In unserem Gespräch entlarvt Ulf Brüggemann diese Argumentation jedoch als töricht und absurd. Sie vermischt die Ebenen von individuellem und kollektivem Handeln. Jede gesellschaftliche Gesamtlösung setzt sich nun mal aus vielen einzelnen Beiträgen zusammen. Ulf illustriert diesen Denkfehler mit einem prägnanten Bild:
Stellen wir uns doch mal eine Sturmflut vor. (...) Die Leute gehen raus und versuchen, ihren Nachbarn zu helfen. (...) Da kommt Frau Rostalski und sagt: Leute, hört auf! Dein einzelner Beitrag ist null wert. Der wird die Überschwemmung nicht zurückdrängen. Du kannst nach Hause gehen und Fußball schauen.
Raus aus der Individualisierungsfalle: Fußabdruck vs. Handabdruck
Die Debatte hat allerdings einen wichtigen wahren Kern: Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Lösung der Klimakrise allein auf dem privaten Konsum und dem viel zitierten „CO2 - Fußabdruck“ abzuladen. Die Universität Erfurt warnt in einer aktuellen Studie explizit vor dieser „Individualisierungsfalle“. Wir brauchen effektive, handlungsleitende politische Maßnahmen, um das Problem an der Wurzel zu packen.
Auch der Deutsche Ethikrat stärkt hier übrigens Ulf Brüggemanns Position. In seiner ausführlichen Stellungnahme zur Klimagerechtigkeit stellt er klar, dass individuelle Beiträge zwar klein erscheinen mögen, aber moralisch enorm wichtig bleiben, weil sie eine „Kultur wahrgenommener Verantwortung“ befördern. Gleichzeitig sagt der Ethikrat aber auch: Es ist unangemessen, von uns allen einen emissionsarmen Konsum zu verlangen, solange der Staat eine Wirtschaftsordnung aufrechterhält, die klimafreundliches Handeln erschwert und uns somit zum „moralischen Heldentum“ drängt.
Übrigens: Frauke Rostalski hat zwar in eben diesem Ethikrat einen Sitz, vertritt aber dezidiert eine abweichende Minderheitsposition in dieser Frage.
Was heißt das für uns? Wir müssen unseren sogenannten Handabdruck vergrößern. Wir müssen uns einmischen, politische Rahmenbedingungen einfordern und bei Wahlen jene unterstützen, die den Klimaschutz ernst nehmen. Denn der Staat ist kein anonymes Gebilde – der Staat sind letztlich wir.
Zum Konzept des ökologischen Handabdrucks heißt es bei Germanwatch:
…Handabdruck-Engagement setzt immer an Strukturen, Regeln, Rahmenbedingungen oder Gesetzen an, die im jeweiligen Umfeld der Gruppe liegen: Student:innen können dafür sorgen, dass ein Tausch- oder Leihladen an der Universität eingerichtet wird. Initiativen können erreichen, dass autofreie Zonen in der Innenstadt vergrößert werden oder Geldanlagen eines Vereins nur noch nachhaltig investiert werden. Deine Handabdruck-Aktionen können von der Nachbarschaft bis zur Bundesebene nachhaltiges Handeln niederschwelliger für andere machen!…
Bücher, Wein und ein Rudel Katzen
Dass wir dabei alle mit inneren Widersprüchen kämpfen, ist nur menschlich. Umfragen wie das aktuelle Klima-Update 2026 von More in Common zeigen, dass eine breite Mehrheit der Gesellschaft den Klimaschutz als wichtiges Mandat ansieht. Wenn es aber an die eigenen Gewohnheiten geht, wird es oft ungemütlich.
Auch davor macht Ulf Brüggemann keinen Halt und gesteht im Podcast erfrischend ehrlich seine eigenen „Klimasünden“ ein. Neben seinem vorbildlichen Balkonkraftwerk gebe es in seinem Leben eben auch Bücher, Wein und „ein ganzes Rudel Katzen“. Genau diese Ehrlichkeit tut der Debatte gut. Wir dürfen nicht im erhobenen Zeigefinger oder, wie Ulf es nennt, in einem moralischen „Jakobinertum“ stecken bleiben, das Menschen nur bevormundet. Eine Totalmoral, die das ganze Leben nur noch diesem einen Zweck unterordnet, überfordert uns alle.
Aber wir dürfen diese menschlichen Widersprüche eben auch nicht als bequeme Ausrede für das Nichtstun nutzen. Wir haben eine moralische Verantwortung für diese Welt – und wir dürfen uns nicht aus ihr stehlen, nur weil wir nicht perfekt sind.
Laut und impertinent für die Zukunft
Klimaethik ist nicht die einzige Richtschnur, nach der wir unsere Entscheidungen treffen. Aber sie ist ein Kompass, den wir dringend brauchen, um in diesem perfekten moralischen Sturm die Orientierung nicht zu verlieren. Wir können und dürfen nicht auf die perfekte globale Lösung warten, sondern wir müssen im Hier und Jetzt das Richtige tun.
Wie wir das anstellen? Lassen wir Ulf Brüggemann das Schlusswort, das er uns als deutlichen Appell am Ende des Interviews mit auf den Weg gibt:
Also ich bin inzwischen zu der Auffassung gekommen, dass wir uns nicht verschämt verstecken sollten, sondern im Gegenteil laut und impertinent sein müssen. Und der Diskurs, dass bestimmte Einschränkungen notwendig sind, der muss normalisiert werden.
Das ganze Gespräch mit Ulf Brüggemann kannst du jetzt in der neuen Episode der Klimakolumne anhören.
Hör doch mal rein – und werde impertinent!



