Klima, Kapital und Gerechtigkeit (Teil 3)
Vom Haben zum Sein: Wie wir Wohlstand ohne Wachstumszwang und Klima-Schuld definieren
Dies ist der dritte Teil einer kleinen Serie zum Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie:
In den ersten beiden Teilen haben wir also die extreme Ungleichheit als Brandbeschleuniger der Klimakrise entlarvt und im zweiten Teil den Wachstumszwang als das strukturelle Hindernis benannt, das uns an einer echten Wende hindert. Am Ende dieses zweiten Teils stand die ernüchternde Erkenntnis: Das „Grüne Wachstum“ ist eine riskante Wette auf den Erfindergeist. Kann klappen, aber mir wäre es viel lieber, wenn wir auch die Zwangsjacke des ewigen „Mehr“ los werden würden.
Meine Geschichte als Geschäftsführer und Selbstständiger lässt mich immer wieder mal in Business-Kategorien denken. Und als solcher würde ich sagen: Kritik allein ist kein Geschäftsmodell für die Zukunft. Wenn das alte System „ökologisch insolvent“ ist, dann brauchen wir einen Sanierungsplan. In diesem dritten Teil möchte ich den Blick nach vorn richten: Hin zur Wissenschaft und einigen Modellen, die zeigen könnten, dass eine Wirtschaft jenseits des Wachstumszwangs nicht das Ende des Wohlstands bedeutet, sondern den Beginn einer neuen Lebensqualität.
Es gibt sehr viele Konzepte, die sich als hilfreiche Alternativen auf diesem Weg anbieten wollen. Einige davon sind mir suspekt, weil sie zu naiv, zu esoterisch oder aus anderen Gründen undiskutabel sind. Ich habe mir stattdessen ein paar Instrumente und Konstrukte ausgesucht, die mir zumindest als schlüssig und auch hilfreich für weiteres Nachdenken erscheinen.
Die Wissenschaft des „Weniger ist Mehr“:
Degrowth als Sanierungskonzept
Wenn wir heute über Degrowth oder Postwachstum sprechen, dann meinen wir kein chaotisches Schrumpfen, wie wir es aus Rezessionen kennen. In der aktuellen Forschung – angeführt von Ökonomen wie Jason Hickel (Less is More) oder Matthias Schmelzer – wird Degrowth als eine geplante, demokratische Reduktion des Energie- und Materialdurchsatzes definiert. Ziel ist es, die Wirtschaft wieder in Einklang mit den planetaren Grenzen zu bringen, während gleichzeitig das soziale Fundament gesichert wird. Ulrike Herrmann nennt das „Grünes Schrumpfen“.
Die Wissenschaft ist sehr eindeutig: Auf einem endlichen Planeten ist unendliches Wachstum physikalisch unmöglich. Hickel argumentiert schlüssig, dass wir die Trennung von „Wachstum“ und „Wohlbefinden“ vollziehen müssen. Ein System, das wachsen muss, um stabil zu bleiben, ist wie ein Flugzeug, das abstürzt, wenn es nicht ständig beschleunigt. Die Degrowth-Forschung schlägt vor, das Flugzeug sicher zu landen und durch ein Verkehrsmittel zu ersetzen, das auch im Stillstand oder bei langsamer Fahrt stabil bleibt.
Ein Laboratorium der Alternativen: Mehr als nur eine Idee
Es gibt allerdings nicht die eine Lösung, die wir morgen per Knopfdruck aktivieren. Wir befinden uns in einer Zeit des intensiven ökonomischen Experimentierens. Neben dem Degrowth-Ansatz gibt es einen bunten Strauß an Modellen, die derzeit weltweit erprobt werden.
Da ist die Idee der Commons (Gemeingüter), für die Elinor Ostrom den Nobelpreis erhielt. Sie zeigt, dass Gemeinschaften Ressourcen wie Wasser, Land oder eben unsere Atmosphäre kollektiv verwalten können, ohne sie zu privatisieren oder zu zerstören. Da ist die Wellbeing Economy, die in Ländern wie Neuseeland oder Schottland bereits politisch implementiert wird und Erfolg an Lebensqualität statt an Marktransaktionen misst. Oder Konzepte wie Buen Vivir aus Lateinamerika, die ein „gutes Leben“ verfassungsrechtlich verankern.
Ja, viele dieser Ansätze stehen noch am Anfang. Sie wirken manchmal unfertig, vielleicht sogar widersprüchlich. Aber wenn man Innovationen in vielen Branchen und Stadien anschaut, fällt auf: So fängt alles Neue an. Die ersten Computer füllten ganze Räume und konnten kaum rechnen; das erste Internet war ein Spielplatz für Nerds. Wir sind in einer Phase des gesellschaftlichen Prototypings. Wir müssen diese Ansätze zu Ende denken oder wenigstens reifen lassen, statt sie wegen ihrer frühen Unvollkommenheit zu verwerfen.
Der neue Kompass: Leben im Donut
Was tritt an die Stelle des BIP (Bruttoinlandsprodukt), wenn wir den Wachstumszwang aufgeben? Die britische Ökonomin Kate Raworth hat mit der „Donut-Ökonomie“ einen Kompass entworfen, der für mich als Kaufmann unmittelbar Sinn ergibt.
Stell dir einen Donut vor. Das Loch in der Mitte ist das soziale Fundament: Hier darf niemand hineinfallen (Nahrung, Wasser, Energie, Bildung, Gerechtigkeit). Der äußere Rand ist die ökologische Decke: Wenn wir sie durchstoßen, riskieren wir den Kollaps der Biosphäre. Der „sichere und gerechte Raum für die Menschheit“ liegt genau dazwischen.
Das Faszinierende ist: Dies ist kein theoretisches Wolkenkuckucksheim mehr. Amsterdam hat das Modell bereits 2020 zur offiziellen Grundlage seiner Stadtentwicklung gemacht. Dort entstehen heute ganze Stadtteile wie „Strandeiland“ nach diesen Prinzipien – mit Materialpässen für Gebäude und strikten Quoten für bezahlbaren Wohnraum. In Deutschland gibt es starke zivilgesellschaftliche Bewegungen wie „Donut Berlin“, und Städte wie Bad Nauheim oder Krefeld beginnen, ihre Fortschritte nach diesen neuen Indikatoren zu messen. Es geht nicht mehr darum, wie viel eine Stadt „wächst“, sondern wie effizient sie die Bedürfnisse ihrer Bürger befriedigt, ohne die ökologischen Ressourcen zu verzehren.
Professionalität und Marktanreize: Das Framework der GWÖ
In diesem Feld der Alternativen sticht auch die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) als besonders praxisnaher Baustein hervor. Sie ist keine akademische Übung, sondern ein Framework, das direkt an der gelebten Praxis ansetzt. Christian Felber hat mit der Gemeinwohl-Bilanz ein System geschaffen, das ethisches Handeln messbar und damit „marktfähig“ macht.
Unternehmen wie VAUDE oder die Sparda-Bank München zeigen, dass man ökologische und soziale Exzellenz bilanzieren kann. Die Vision ist bestechend: Wenn Unternehmen, die dem Gemeinwohl dienen, Steuervorteile oder Vorrang bei der öffentlichen Beschaffung erhalten, wird Nachhaltigkeit zum harten Wettbewerbsvorteil. Das ist kein Systemsturz, sondern eine Neuausrichtung der Marktanreize – ein Weg, die Professionalität der Wirtschaft für die richtigen Ziele einzusetzen. Es ist der Übergang von einer extraktiven zu einer regenerativen Marktwirtschaft. Die GWÖ schaut dabei natürlich auf die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, aber auch auf einige andere Kategorien wie zum Beispiel Menschenwürde, Gerechtigkeit und Transparenz.
Die Realitätsprüfung: Warum das Scheitern von gestern kein Argument für heute ist
Ich höre den Einwand bereits:
„Schön und gut, aber solche Versuche gab es immer wieder, und sie sind alle krachend gescheitert.“
Na ja, man könnte es auch so sagen: Die Geschichte ist gepflastert mit naiven und utopischen Experimenten, die an mangelnder Professionalität oder einfach an schlechter Buchführung zugrunde gegangen sind. In der Welt der Innovationen allerdings scheitern bekanntlich auch ungefähr 90 Prozent aller Start-ups. Wir hören deshalb aber doch nicht auf, nach besseren Lösungen zu suchen.
Das größte „gescheiterte Projekt“ ist derzeit allerdings wohl eher unser aktuelles System, wenn es seine eigene ökologische Grundlage verbraucht. Wir müssen weg von der Suche nach der „einen, perfekten Inselutopie“ hin zu systemischen Prototypen wie zum Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie. Wir können es uns nicht mehr leisten, die Suche nach Alternativen mit dem Verweis auf vergangene Fehler abzublocken. Wir brauchen den Mut zum professionellen Experiment.
Umverteilung als Infrastruktur-Investition
Um das Thema aus Teil 1 kommen wir aber vermutlich nicht herum: Umverteilung. Thomas Piketty betont im Surplus-Magazin, dass wir die Mittel aus extremen Vermögen brauchen, um den Umbau zu finanzieren. Aber wir sollten Umverteilung nicht als „Almosen“ darstellen, sondern als Investition in öffentliche Güter.
Ein entscheidendes Instrument ist das Klimageld, wie es zum Beispiel im Papier des Sachverständigenrats für Umweltfragen beschrieben wird: Die Einnahmen aus der CO2 - Bepreisung werden pro Kopf an alle BürgerInnen zurückgegeben. Das schützt die Schwächeren und schafft die soziale Stabilität für die Transformation. Wie Piketty sagt: Es ist klüger, Reichtum umzuverteilen, als einen unbewohnbaren Planeten zu riskieren.
Der „Quality Turn“: Suffizienz als das neue Upgrade
In der Marketingwelt würde man sagen: Wir müssen das Narrativ vom „Verzicht“ radikal drehen. Suffizienz – die Strategie des Genug – ist kein Verlust. Es ist ein Upgrade der Lebensqualität.
Der Kommunikationsprofi Martin Oetting bringt es auf den Punkt: Wenn wir weniger Zeug besitzen, aber mehr Zeit für Familie, Freunde und Engagement haben, gewinnen wir „Zeitwohlstand“. Wenn Städte weniger Autos haben, gewinnen wir Platz für Kinder, saubere Luft und Ruhe. Das ist keine Freiheitseinschränkung, sondern die Rückeroberung von Lebensraum. Wir müssen „Genug“ als den neuen Luxus branden. Die Befreiung vom rein ökonomischen Optimierungsdruck ist vermutlich die größte Rendite, die wir uns selbst schenken können.
Fazit: Die Enkeltauglichkeit als Maßstab
Das berühmte Zitat von Antonio Gramsci fällt mir ein:
„Die alte Welt stirbt, und die neue Welt kämpft um ihre Geburt: jetzt ist die Zeit der Monster.“
Damit wird die Aufregung gut beschrieben, die viele von uns derzeit spüren. Ich finde, es regen sich aber nicht nur die Monster, sondern auch allerlei Hoffnungsträger. Bei allen von ihnen muss sich erst noch zeigen, wie hilfreich sie tatsächlich sind. Aber es gibt sie. Immerhin. Und einige von ihnen werden sich weiter entwickeln.
Wenn ich mir vorstelle, in welcher Welt meine Enkelkinder im Jahr 2050 leben werden, dann ist mein Nachdenken über eine neue ökonomische und ökologische Architektur keine akademische Übung. Es ist die Suche nach einer Vision von einer gerechten, stabilen und lebenswerten Welt. Am besten suchen wir wohl gemeinsam…
Die Serie im Überblick: Klima, Kapital und Gerechtigkeit
Teil 1: Die Diagnose. Warum extreme Ungleichheit der Brandbeschleuniger der Klimakrise ist und warum wir über die Grenzen des Eigentums sprechen müssen.
Teil 2: Die Barriere. Warum der strukturelle Wachstumszwang („Immer mehr“) physikalisch gegen die Wand fährt und „Grünes Wachstum“ allein uns nicht retten wird.
Teil 3: Der Sanierungsplan. Wie wir Wirtschaft neu messen (Donut-Ökonomie), professionell umsteuern (Gemeinwohl-Bilanz) und Wohlstand als Lebensqualität statt als Durchsatz definieren.



