Klima, Kapital und Gerechtigkeit (Teil 2 - Wachstum)
Wachstum, Wachstumszwang, grünes Wachstum - was denn jetzt?
Ich kenne die Anziehungskraft von Wachstumscharts. Ein nach rechts oben zeigender Graph war für mich in meiner Marketingwelt oft ein Zeichen für Erfolg, für Vitalität, für eine funktionierende Strategie. Doch wenn ich heute die Kurven der globalen Erwärmung gegen die Kurven des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lege, bringt mich diese Einschätzung ganz gewaltig ins Grübeln.
78 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gehen davon aus, dass es natürliche Grenzen des Wachstums gibt, die die industrialisierte Welt längst erreicht oder überschritten hat. Und 91 Prozent stimmen sogar der Aussage zu: „Wir müssen Wege finden, wie wir unabhängig vom Wirtschaftswachstum gut leben können.“
Ich fürchte allerdings, dass sich viele dabei gar nicht ausreichend klar gemacht haben, was eine Welt ohne Wachstum bedeuten würde. Für jeden und jede einzelne ganz konkret im individuellen Leben. Und bei sehr vielen renommierten Wirtschaftsfachleuten ist eine Ökonomie ohne Wachstum praktisch nicht vorstellbar.
Im ersten Teil dieser kleinen Serie ging es um Ungleichheit. Dabei war zu sehen wie der Luxus-Overshoot einer winzigen Elite den Planeten verheizt und warum Klimagerechtigkeit kein Neid-Projekt, sondern eine Überlebensfrage ist. Doch wer glaubt, wir müssten nur die Superreichen zur Kasse bitten und könnten ansonsten das „Betriebssystem“ unserer Wirtschaft unverändert lassen, der erliegt einer gefährlichen Illusion. Wir müssen über Wachstum reden. Über den sogenannten Wachstumszwang, und auch über grünes Wachstum und die Grenzen des Wachstums oder über Postwachstum.
Die falsche Metrik unseres Erfolgs
Was man nicht misst, kann man nicht steuern. Unsere gesamte westliche Zivilisation steuert derzeit nach einer einzigen Kennzahl, dem BIP. Der Kommunikationsberater Martin Oetting ist nur einer von vielen ernst zu nehmenden Menschen, welche diesen „Wachstums-Götzen“ immer wieder scharf kritisieren. Das Problem am BIP als KPI (Key Performance Indicator) ist seine Beschränktheit: Es misst alles, was mit Geld zu beziffern ist, aber vieles nicht, was das Leben wirklich lebenswert macht.
Ein schwerer Autounfall steigert das BIP (Reparaturkosten, Krankenhaus, Anwälte). Die Zerstörung eines Urwaldes für den Kohleabbau steigert das BIP. Aber eine intakte Biosphäre, die uns kostenlos mit sauberer Luft und stabilem Klima versorgt? Sie taucht in keiner Bilanz auf, solange sie funktioniert. Sie hat keinen „Marktwert“. Erst wenn sie kollabiert und wir Milliarden für Flutdämme und Dürreentschädigungen ausgeben müssen, wird der Schaden ökonomisch sichtbar.
Martin Oetting weist zu Recht darauf hin, dass wir einen Kompass benutzen, der uns zielsicher in den Abgrund führt, weil er die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen als „Kollateralschaden“ ignoriert. Wir feiern ein Wachstum, das in Wahrheit eine gigantische Liquidation unserer natürlichen Vermögenswerte ist.
Der Geist von 1972: Eine Ehrenrettung
Wenn man über die Grenzen dieses Wachstums spricht, kommt unweigerlich der Vorwurf: „Ach, das haben Donella und Dennis Meadows vom Club of Rome doch schon 1972 behauptet, und sie lagen völlig daneben!“ Kritiker führen gerne an, dass das Öl nicht ausgegangen ist, wie damals befürchtet.
Doch das ist ein fundamentaler Lesefehler. Meadows und sein Team haben keine exakten Zeitpunkte für Ressourcenknappheit prophezeit, sondern Systemdynamiken modelliert. Die bittere Wahrheit ist: Hätte der Club of Rome recht behalten und wäre uns das Öl 1990 ausgegangen, hätten wir heute kein Klimaproblem. Wir hätten schlicht nicht mehr genug fossilen Brennstoff gehabt, um die Atmosphäre zu ruinieren.
Unsere Grenze heute ist nicht der Mangel an Stoffen – wir finden dank neuer Explorationstechniken eine Zeit lang noch immer mehr Öl und Gas. Unsere Grenze ist das „Senken-Problem“: Die Atmosphäre kann unseren Abfall, das CO2, nicht mehr schlucken, ohne das klimatische Gleichgewicht zu zerstören. Wir wachsen nicht in einen unendlichen leeren Raum hinein, sondern gegen eine physikalische Wand. Das Klima zahlt keine Zinsen auf unsere ökologischen Schulden; es quittiert den Dienst.
Die Verführung der Klima-Optimisten
Nun gibt es kluge Köpfe, die sagen: „Menschlicher Erfindergeist ist unendlich, es gibt eigentlich keine wirklichen Grenzen des Wachstums!“ Ökonomen wie der Nobelpreisträger Paul Romer oder Julian Simon argumentieren, dass wir Ressourcen einfach nur immer intelligenter neu ordnen müssen. Ideen-Wachstum statt Material-Wachstum. Das ist eine verführerische Erzählung, unter anderem für uns Medienleute. Wir lieben die Idee der „Dematerialisierung“ durch Digitalisierung.
Doch hier schnappt eine Falle zu. Jede App, jede Cloud, jede KI-Anfrage braucht Hardware, Kupfer, seltene Erden und gigantische Mengen an Strom. Die „Cloud“ ist nicht wolkenhaft, sie ist eine industrielle Infrastruktur aus Beton und Silizium, die gekühlt werden muss.
Wie Adam Tooze eindrucksvoll analysiert, ist die „grüne Wende“ oft eine Illusion, wenn wir glauben, sie käme ohne massiven Ressourcenverbrauch aus. Das Klima reagiert auf physikalische Tonnen von Treibhausgasen, nicht auf schlaue Algorithmen. Ideen-Wachstum allein kühlt den Planeten nicht, solange es an die Hardware einer extraktiven Weltwirtschaft gekoppelt ist.
Das Dilemma der Entkopplung: Wunschbild vs. Wirklichkeit
Das Zauberwort der aktuellen Politik lautet „Decoupling“ – die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Wir wollen „Grünes Wachstum“. Die Idee dahinter: Das BIP steigt weiter, während die Emissionen dank Effizienz und erneuerbaren Energien sinken.
Mathematisch gesehen bräuchten wir dafür eine absolute Entkopplung in einer Geschwindigkeit, die historisch beispiellos wäre. Bisher haben wir meist nur eine relative Entkopplung gesehen: Wir werden pro produziertem Euro zwar effizienter, aber weil wir insgesamt so viel mehr produzieren, sinkt der absolute Ressourcenverbrauch kaum oder steigt sogar weiter an. Das ist der Rebound-Effekt. Wenn der Motor sparsamer wird, bauen wir einfach größere Autos und fahren längere Strecken.
Wir müssen ehrlich sein: Das Konzept des Grünen Wachstums ist auf wackeligem physikalischen Boden gebaut. Es ist die Hoffnung, dass wir die Gesetze der Thermodynamik durch Innovation austricksen können. Und doch – und hier komme ich wirklich erst recht ins Grübeln – ist dieses Modell derzeit vermutlich das einzige, das realistischerweise eine kleine Chance auf politische Umsetzung hat. Warum? Weil unser gesamtes Sozialgefüge, unsere Renten, unsere Schulden und unser innerer gesellschaftlicher Frieden auf dem Versprechen von Wachstum basieren. Ein radikaler Abschied vom Wachstum (Degrowth) lässt sich in einer Demokratie derzeit vermutlich nicht durchsetzen. Zumindest nicht per Design, höchstens per Desaster. Grünes Wachstum ist damit die einzige Brücke, die wir haben, auch wenn wir nicht wissen, ob sie das Gewicht der Realität tragen wird. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.
Der geplatzte „Implizite Deal“
Matthias Schmelzer beschreibt im Surplus-Magazin einen „impliziten Deal“, den die Politik lange mit uns geschlossen hat: Ihr müsst euer Leben nicht ändern, wir regeln das technisch im Hintergrund. Ihr bekommt das E-Auto statt des Verbrenners, die Wärmepumpe statt der Gasheizung, aber der Rest bleibt gleich.
„…Außerdem ist die Gesellschaft strukturell träge. Die imperiale Lebensweise mit dem gesellschaftlichen Ideal von Auto, Urlaubsflug, Einfamilienhäusern und Fleischkonsum, aber auch gesellschaftliche Infrastrukturen und Institutionen vom Sozialstaat bis zum Finanzsystem – all das basiert grundlegend auf der Verfügbarkeit billiger und dichter, fossiler Energie und auf Wirtschaftswachstum. Ein Großteil der Bevölkerung baut auf dieses Versprechen von Wohlstand und Stabilität, was aber langfristig nicht haltbar ist…“
Dieser Deal ist an der 1,5-Grad-Grenze zerschellt. Die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Emissionen senken müssten, ist so hoch, dass Technik allein nicht mehr ausreicht. Wir verbrauchen unser CO2-Budget derzeit in einem Tempo, das jede Wachstumsfantasie wie einen schlechten Businessplan aussehen lässt.
Ulrike Herrmann bringt das Dilemma in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ auf den Punkt: Der Kapitalismus muss wachsen, um stabil zu bleiben. Ohne Wachstum bricht das Kredit- und Zinssystem zusammen, Arbeitslosigkeit steigt, soziale Sicherungssysteme erodieren. Aber: Das Klima bricht mit weiterem Wachstum zusammen. Wir stecken in einer existenziellen Zwickmühle zwischen ökonomischem und ökologischem Kollaps.
Klima-Risikomanagement: Zeit für vorsichtige Kaufleute
Gefühle wie Angst, Zorn, Sorge und Verunsicherung sind bei all dem nicht zu vermeiden, sie sind ja auch oft hilfreiche Indikatoren für höchsten Handlungsbedarf und sie sorgen damit für den nötigen Tritt in den Hintern. Trotzdem hilft vielleicht noch ein Blick hin zum nüchternen Risikomanagement. Wer als UnternehmerIn darauf wettet, dass wir in 30 Jahren durch Kernfusion oder gigantische CO2-Staubsauger (CCS) gerettet werden, handelt grob fahrlässig. Man baut kein Geschäft auf Technologien auf, die im relevanten Maßstab noch nicht existieren, während die laufenden Kosten (die Klimaschäden) den Betrieb ruinieren.
Die einzige Maßnahme mit einer garantierten CO2-Rendite ab Tag eins ist also vermutlich die Suffizienz: Weniger verbrauchen. Weniger produzieren. Das ist eigentlich die notwendige Entscheidung, wenn man erkennt, dass das bisherige Geschäftsmodell keine Zukunft haben kann. Warum „eigentlich“? Weil die Konsequenzen kaum denkbar sind. Bei aller Wucht, die eine derartige Einsicht hat, müssen wir wahrscheinlich lernen, den Wachstumszwang als das zu sehen, was er ist: Eine systemische Sucht, die uns zwingt, unsere Lebensgrundlagen zu verzehren, um die Schulden der Vergangenheit zu bedienen.
Vermutlich müssen wir als „Brückenkonzept“ erst einmal am grünen Wachstum arbeiten, weil es sonst Aufstand gibt und weil allein das schon schwer genug ist. Auf mittlere Sicht und darüber hinaus allerdings kann ich mir keine wirkliche Alternative zum “Degrowth“ vorstellen, zu einem gesunden Schrumpfen also, zur Akzeptanz der planetaren Grenzen und zum ökologisch-ökonomischen Umgang mit diesen.
Und wenn man dann mal - nur so zum Spaß und aus Interesse - sich vorstellt, wie solch eine Welt und die in ihr lebenden Gesellschaften ausschauen könnten, dann - ja dann kommt man darauf, dass eine gute Luft, klares Wasser, eine intakte Natur, dass eine clever und ruhig organisierte Mobilität eine wohltuende Abkehr vom Stress sein könnten. Um solche visionären Gedanken und Konzepte soll es dann im dritten Teil dieser kleinen Serie gehen. Um Ideen von „Degrowth“ und „Postwachstum“, um prominente und sympathische Initiativen und Protagonisten von solchen Ideen und um den aktuellen Stand auch der wissenschaftlichen Diskussion dazu.



