„Das Klima hat sich immer schon geändert, und das wird es auch weiterhin tun…“
So oder so ähnlich brummelte jemand aus der letzten Reihe. Ich hatte gerade meine allererste Frage gestellt, nämlich die, was man unter „Klima“ denn eigentlich zu verstehen hätte. Die Frage hatte ich in einer Schulklasse gestellt, einer zehnten Klasse in einem großen bayerischen Berufsbildungszentrum, einer Berufsschule also.
Aktionswoche in der Berufsschule
Dort war ich eingeladen, insgesamt sechs Workshops im Rahmen einer Aktionswoche zu halten, und zwar bei den Jahrgangsstufen zehn bis zwölf. Diese Workshops waren angekündigt mit dem Titel
„Rettet unser Klima. Klimaschutz geht alle an.“
Vor mir saßen also Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahren, angehende Fachkräfte unseres Landes: Metallhandwerker, Schreiner, Heizungsbauer. Menschen, die in ihrem Beruf tagtäglich mit Material, Energie und realem Handwerk zu tun haben.
Die Begegnungen mit diesen jungen Menschen waren eine eindringliche, interessante, teilweise auch nachdenklich machende Erfahrung, von der ich hier berichten will.
Vorab aber kurz zur Einordnung die Antwort auf die Frage: Wie läuft so ein Workshop eigentlich ab?
In diesen Workshops benutze ich En-ROADS, einen Klimasimulator den die Firma Climate Interactive in Kooperation mit dem MIT in Boston entwickelt hat. Ich bin von Climate Interactive zertifiziert als „Climate Ambassador“, habe also gelernt, mit diesem Instrument umzugehen.
Zuerst beschreibe ich meistens den TeilnehmerInnen mit Hilfe von En-ROADS die physikalischen Grundlagen des Klimawandels: Wie unsere heutige Energiegewinnung zu Emissionen führt und wie diese die globale Temperatur nach oben treiben.
Dann wechseln wir in die Rolle der „Weltregierung“. In der unteren Hälfte des Simulators gibt es 18 Schieberegler, mit denen man unterschiedlichste Maßnahmen zum Klimaschutz simulieren kann. Die wichtigsten Sektoren wie Energieerzeugung, Gebäude, Verkehr, Industrie etc. und die jeweiligen Maßnahmenpakete werden damit sehr gut abgebildet. Das Geniale daran: Man sieht sofort, wie sich eine Entscheidung global auf den Verlauf der Erderwärmung im laufenden Jahrhundert auswirken würde.
Ziel ist es, durch einen Mix an Klimaschutzmaßnahmen die Erderwärmung im Jahr 2100 auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. Auf das Maß also, das die ganze Welt 2015 im Pariser Klimaabkommen beschlossen hat.
Die schweigende Wand
Der Einstieg war in jeder der sechs Klassen einigermaßen anstrengend, ich sah mich einer schweigsamen Wand gegenüber, Blickkontakt war nur mit einzelnen möglich. Kaum eine Antwort, kaum Zeichen von Verständnis, Interesse oder gar Neugier. Lehrkräfte, die ständig dort unterrichten und in meinen Workshops hinten drin saßen, beruhigten mich „das ist völlig normal“. Normal?
Wenn sich junge Leute, die demnächst Heizungsanlagen montieren und instandhalten, wenn diese also den Unterschied zwischen einer Gasheizung und einer Wärmepumpe nicht besonders wichtig finden? Wenn sie auch kaum etwas darüber wissen, welche der beiden Varianten die effektivere und umweltschonendere ist?
Das Thema schien in der Lebensrealität der Teilnehmenden jedenfalls so gut wie keine Rolle zu spielen. Ich bin nicht sicher, ob der Schulalltag oder die Party am Abend vorher so ermüdend waren, die brütende Hitze in den Klassenzimmern spielte jedenfalls auch eine gehörige Rolle bei der etwas zähen Stimmung. Übrigens ein Thema, das sich anbietet in solch einer Situation: Woher kommt die Hitze? Wie gehen wir zum Beispiel als zukünftige HandwerkerInnen damit um, in unseren Berufen aber auch privat?
Zur Ehrenrettung der SchülerInnen will ich allerdings unbedingt auch berichten, dass in jeder der Klassen jeweils eine Gruppe von ungefähr zwanzig Prozent, also etwa vier bis fünf Leute, nach einer gewissen Zeit durchaus lebhaft diskutiert und mitgemacht haben. Und ich glaube einigen der anderen angesehen zu haben, dass sie auch am Thema interessiert sind, und dass die gefundenen Ergebnisse ihre Aufmerksamkeit gefunden haben.
Reizthema Klima
Wer sich mit Klima-Kommunikation beschäftigt, ist inzwischen ja mit dem Phänomen konfrontiert, dass man das K-Wort oft schon gar nicht mehr in den Mund nehmen möchte, dass man mit einem genervten Augenrollen oder Schlimmerem zu tun hat.
In einer Schule glaubt man - auch bei Sechzehnjährigen - ab und zu die Eltern durchzuhören, womöglich Eltern, die nicht an den menschengemachten Klimawandel glauben und der Meinung sind, Lehrkräfte müssten sich diesbezüglich „neutral“ verhalten. Zu diesem Thema ist eine Ausgabe des Podcasts „Lage der Nation“ sehr empfehlenswert, ein Gespräch mit der Lehrerin Inga Feuser.
Sie stellt nämlich völlig zu Recht klar: Lehrkräfte müssen im Unterricht über den Klimawandel und die wissenschaftlich eindeutigen Befunde sprechen. Da geht es nicht um Fragen des Glaubens, das steht fest in den Lehrplänen verankert. Bei naturwissenschaftlichen Fakten gibt es auch kein Gebot von „Neutralität“.
Ein Blick auf die nackten Zahlen
Wie geht es also jungen Menschen bei diesem Reizthema, wo doch „das Klima“ für sie so existenziell relevant sein sollte? Sie sind es ja und auch ihre Nachkommen, die viele der Folgen ganz hautnah zu spüren bekommen.
Ein Blick in die aktuellen Daten der Jugendbefragung zur Umweltbewusstseinsstudie 2026 gibt darauf eine ernüchternde, aber aufschlussreiche Antwort: Für 73 Prozent der befragten jungen Menschen bleibt Klima- und Umweltschutz zwar ein wichtiges Thema, aber der Anteil derer, die es als „sehr wichtig“ einstufen, ist seit 2021 von 50 auf 30 Prozent gesunken. Andere gesellschaftliche Krisen drängen sich in den Vordergrund. Und noch viel gravierender:
69 Prozent blicken beim Thema Klima und Umwelt pessimistisch in die Zukunft.
Die schweigende Wand in meinen Workshops war also vermutlich gar kein Desinteresse. Es war Überforderung. Es war womöglich auch zu einem gehörigen Ausmaß Resignation. Eine Stimmungslage jedenfalls, die man nicht der jungen Generation vorwerfen darf. Die Welt weiß spätestens seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, dass die planetaren Grenzen einzuhalten sind, dass wir mit unserer Lebensweise mehr Erde verbrauchen als wir haben. Wir, also die Generation, die in diesen Jahrzehnten den Lauf der Welt gestaltet hat, wir haben trotz dieses Wissens weiter gemacht, als ob es eben durchaus noch einen oder zwei weitere Planeten geben könnte, auf die wir nötigenfalls auswandern können.
Vorurteile, Überraschungen und Aha-Momente
An einigen Stellen gab es allerdings durchaus lebhafte Diskussionen und auch ein paar Überraschungen. Wir begannen nämlich, die Stellschrauben im Simulator live zu bewegen. Ein Schüler forderte ganz optimistisch und vehement:
„Wir müssen die Kernkraft massiv subventionieren! Das ist die Lösung!“
Ich schob den Regler für Kernenergie ganz nach rechts. Die Augen im Raum wanderten auf die Temperaturanzeige für das Jahr 2100. Die Überraschung war groß: Der Effekt auf die globalen Emissionen und die Temperatur war gar nicht so erheblich, selbst wenn wir die Kernenergie sehr stark subventionieren würden. Warum? Weil der Bau neuer Atommeiler extrem teuer ist und Jahrzehnte dauert – Zeit, die uns schlicht fehlt.
Außerdem entspann sich plötzlich eine rege, handwerkliche Diskussion über die sonstigen Risiken: Wohin mit dem Atommüll? Und begeben wir uns nicht direkt in die nächste Abhängigkeit, nämlich vom Uran? Auf einmal war die schweigende Mitte im Raum wach.
Ein anderer Vorschlag aus der Klasse war die Umstellung auf Elektro-Mobilität. Also zogen wir den entsprechenden Hebel. Aber auch hier zeigte der Simulator ein unerwartetes Bild: Die Emissionen gingen kaum zurück. Der Grund, den uns das Modell unbestechlich vorrechnete: Wenn wir zwar alle E-Autos fahren, der Strom dafür aber nach wie vor zu einem großen Ausmaß fossil hergestellt wird, ist für das Klima kaum etwas gewonnen.
Die große, fast schon greifbare Erkenntnis im Raum war:
Wir müssen unbedingt und primär vom Verbrennen der fossilen Brennstoffe weg.
Alles andere ist Makulatur. Ein wesentlicher Hebel dafür ist der CO2-Preis.
Was am Ende bleibt: Die Tankrechnung und ein Funken Hoffnung
Am Ende der 90 Minuten stellte ich die Ausstiegsfrage: „Was nehmen Sie mit nach Hause? Was ist in Zukunft wichtig für Sie?“ Die Antwort eines Schülers traf den Nagel auf den Kopf und holte uns alle zurück in die Realität:
„Wie teuer das Tanken noch werden wird.“
Man könnte das als puren Egoismus abtun. Aber es ist rational. Für diese Jugendlichen ist Klimaschutz erst einmal eine Bedrohung für ihren Geldbeutel und ihre Freiheit. Es zeigt uns Erwachsenen, dass wir die soziale Frage – wie bezahlbar bleibt das Leben? – nicht leichtfertig vom Klimaschutz trennen dürfen.
Dass wir andererseits aber auch ehrlich und transparent den Kosten ins Auge sehen müssen, die durch Nichtstun entstehen. Jetzt schon, und in Zukunft noch viel mehr. Das sind Kosten, welche von genau diesen jungen Leuten beglichen werden müssen. Es ist also eine Aufgabe für die Erwachsenen, die nächste Generation darauf vorzubereiten, dass es noch wichtigere Dinge als die nächste Tankrechung geben könnte. Die „Jungen“ sind natürlich mit allen hormonellen und anderen Turbulenzen ihrer Altersphase konfrontiert, sie sind mitten in der Orientierungssuche und sie wachsen langsam in die Rolle von verantwortlichen Erwachsenen. Wer wird ihnen sagen, dass unser luxuriöser Lebensstil womöglich auf Dauer so nicht aufrecht zu erhalten sein wird?
Es geht. Noch.
Trotz des Frusts zu Beginn ging ich nicht mutlos aus diesen Workshops. Im Gegenteil. Ich hatte wie gesagt das starke Gefühl, bei einigen der „Schweiger“ einen echten Denkprozess angestoßen zu haben. Die Botschaft des Simulators kam rüber, ohne dass ich mit dem erhobenen Zeigefinger predigen musste:
Es ist verdammt schwierig.
Es gibt nicht die EINE Wundertechnologie. Wir brauchen viele Bausteine gleichzeitig.
Aber es GEHT. Wissenschaftlich und technisch haben wir alle Hebel in der Hand. Wir müssten nur kollektiv wollen. Im ernsten Spiel mit dem Simulator kann man alle möglichen Szenarien durchspielen, man kann auch an den Grundannahmen rütteln, wenn man will, man kann aber Lösungen finden, die die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzen würden. Wir müssen uns damit aber beeilen. Jetzt gleich. Und zwar die jungen und die alten Menschen und alle dazwischen gleichermaßen.
Übrigens: Unter der Haube von En-ROADS, dem Klimasimulator, steckt jede Menge aktuelle Klimawissenschaft. Man kann mit diesem komplexen Modell wirklich umfassende Szenarien darstellen, überprüfen und diskutieren. Es ist weltweit auch in hochstehenden Gremien und Entscheidungsprozessen im Einsatz und ernst zu nehmen. Wer sich für die Möglichkeiten interessiert, mit En-ROADS die Zusammenhänge von Klimawandel und Klimaschutz zu erkunden, soll sich gerne bei mir melden. Das Tool ist ansonsten kostenlos für alle zugänglich.








Was für ein großartiger Erlebnisbericht. Da lässt sich soviel draus mitnehmen!