Ist es eine Art Pflichtübung, wenn ich in einigermaßen regelmäßigen Abständen auch über gute Nachrichten zum Klimawandel berichte? Damit wir nur ja nicht alle den Mut verlieren und die Resignation sich noch stärker ausbreiten könnte? So fühlt es sich tatsächlich manchmal an, wenn ich mich an die Recherche setze, wenn ich meine Notizen und Quellen sichte und zu bewerten anfange: Was ist wirklich wichtig? Was ist neu? Was macht Mut und kann auch größer werden?
Neben anhaltenden geopolitischen Spannungen, zähen politischen Debatten in Berlin und den spürbaren Folgen der Erderwärmung fällt es oft schwer, die Orientierung und die Zuversicht zu behalten. Die Mechanik unserer Medienlandschaft belohnt Aufreger und Katastrophenmeldungen mit Klicks. Wer da nicht aufpasst, läuft Gefahr, langsam in eine lähmende Mischung aus Zynismus, Wut und resigniertem Schulterzucken zu gleiten.
Regelmäßig setzt allerdings dann, also bei und nach der Recherche, bei mir auch eine Art Erleichterung ein. Es gibt die guten Nachrichten, immer wieder und auch immer mehr. Es gibt sie, ohne dass man krampfhaft danach suchen müsste. Und es gibt sie in einem Ausmaß und in einer Fülle, dass ich bei und nach dieser Recherche regelmäßig denke: „Das wäre doch absolut verrückt, wenn wir, wir alle, es nicht schaffen sollten, solche Beispiele rauszutragen, weiterzuentwickeln und uns gegenseitig dabei zu bestärken.“
In diesem Sinne sind auch die Beispiele vom Oktober 2026 wichtig, relevant, wegweisend, wenn auch nicht immer spektakulär. Lass dich überraschen, welche tollen Initiativen und Entwicklungen den Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung voran bringen.
ERO in Regensburg
Ich habe selber so gut wie gar nichts dazu beigetragen, ich bin trotzdem einigermaßen stolz auf dieses Projekt „meiner“ Energiegenossenschaft (BERR, Bürgerenergie Region Regensburg).
Jahrelang hieß es in Talkshows und Sonntagsreden, die Erneuerbaren seien zwar eine nette Sache für das Dach des Einfamilienhauses, aber für die stromhungrige Industrie völlig ungeeignet. Das Energieareal Regensburg Ost (ERO) widerlegt diese Behauptung.
Auf elf Hektar Fläche hat die BERR eG in Kooperation mit der Stadt Regensburg einen Solarpark mit einer Leistung von 11 Megawatt realisiert. Das Besondere daran: Der grüne Strom fließt über direkte Leitungen ohne Umweg über das öffentliche Netz unmittelbar zu drei Schwergewichten der lokalen Industrie – Siemens, Schaeffler und AUMOVIO. Rund ein Fünftel des Strombedarfs dieser Standorte wird nun direkt vom Feld nebenan gedeckt. Das spart jedes Jahr etwa 4.000 Tonnen CO2 ein.
Was mich an diesem Projekt persönlich begeistert, ist das Bündnis dahinter. Die Stadt stellte die Fläche bereit, die Genossenschaft übernahm Planung und Bau, und hunderte Bürgerinnen und Bürger konnten sich finanziell beteiligen. Hier zeigt sich, was passiert, wenn Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und Arbeitsplatzsicherung Hand in Hand gehen: Grünstrom senkt die Betriebskosten der Unternehmen, während die Erträge in der Region bleiben. ERO zeigt: Bürgerenergie kann auch Industrie! Eine ganz wesentliche Rolle spielen natürlich wie immer die Menschen hinter dem Projekt. Ich kenne ja die KollegInnen der Genossenschaft und weiß, wie engagiert und leidenschaftlich deren Arbeit ist und vermutlich auch sein muss, damit so ein Mega-Projekt gelingt. Nachmachen ist erlaubt…
2. Grüne KI: Zwischen Stromhunger und neuem Klimawerkzeug
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, löst in der Klimadebatte aber oft große Sorgen aus – Stichwort: der exponentiell steigende Strom- und Wasserbedarf riesiger Rechenzentren.
Über die Chancen und Risiken habe ich ja selber vor kurzem einen ausführlichen Artikel hier in meiner Klimakolumne geschrieben. Die Risiken bringen ganz reale Sorgen mit sich, die wir auf keinen Fall kleinreden oder wegwischen dürfen. Zu den Chancen habe ich allerdings inzwischen noch einiges nachzutragen. Kürzlich hörte ich im ZEIT-Podcast ein Interview mit Bernhard Lorenz zu seinem neuen Buch „Grüne KI. Wie die Wirtschaft das Klima retten und den Wohlstand mehren kann“. Der Titel klingt einigermaßen vollmundig, ich weiß. Trotzdem haben das Gespräch und der Autor des Buches meinen Blick auf das Thema noch einmal erweitert.
Richtig eingesetzt wird KI nämlich beispielsweise zu einem unverzichtbaren Baustein unserer Energiesysteme. Sie prognostiziert sekundengenau Schwankungen von Sonne und Wind, steuert Großbatteriespeicher und optimiert die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge. Auch in der Kreislaufwirtschaft leistet sie Beeindruckendes: KI-gestützte Sortieranlagen erreichen inzwischen Sortenreinheiten bei Kunststoffen von über 95 Prozent – ein Quantensprung für das Recycling.
Ich probiere das derzeit auch ganz praktisch aus. Als Grünen-Mitglied habe ich Zugang zum „Grünerator“, einer internen KI-Anwendung der Partei. Es ist faszinierend zu sehen, wie solche Werkzeuge helfen können, komplexe Datenmengen und Argumente für die tägliche Überzeugungsarbeit aufzubereiten. Die Formel für die Zukunft lautet: KI muss mit strengen ökologischen Leitplanken betrieben werden – mit effizienten Modellen und mit 100 % erneuerbarem Strom. Dann ist sie kein Klimakiller, sondern ein Beschleuniger der Transformation.
Künstliche Intelligenz verändert, wie wir arbeiten und wie wir politisch kommunizieren. Wir setzen im Bundesverband von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN KI-gestützte Werkzeuge dort ein, wo sie unsere Arbeit sinnvoll unterstützen: zum Beispiel bei Recherche, Barrierefreiheit oder der Auswertung großer Informationsmengen.
(Zitat: Website von Bündnis90/die Grünen)
3. Griechenland: Vom Sorgenkind zur grünen Energiedemokratie
Schauen wir nach Südeuropa. Wer erinnert sich an die „Griechenland-Krise“, an das Desaster bei den Staatsfinanzen und die erbitterten Diskussionen in der Europäischen Union? Vor eineinhalb Jahrzehnten stand Griechenland am Rande des Finanzkollapses. Heute vollzieht das Land eine der beeindruckendsten energetischen Transformationen unseres Kontinents. Aus dem einstigen Importeur fossiler Energien wird Schritt für Schritt ein Nettoexporteur von grünem Strom.
Zahlen der europäischen Denkfabrik Ember belegen: Griechenland gehört beim Anteil von Sonne und Wind an der Stromerzeugung inzwischen weltweit zur Spitzengruppe. Photovoltaik deckt bereits 22 Prozent des nationalen Strombedarfs (Platz 3 weltweit), Windkraft weitere 20 Prozent. Die schmutzige Braunkohle wurde auf unter 5 Prozent zurückgedrängt. Wo früher Kohle gefördert wurde, erstrecken sich heute riesige Solarparks wie in Amyntaio.
Besonders spannend ist das Programm GR-Eco Islands. Über Unterseekabel werden die griechischen Inseln schrittweise an das Festlandnetz angeschlossen, um die alten, teuren Dieselgeneratoren endlich abzuschalten. Ab diesen Monat erlaubt die Regierung Zudem per Verordnung den unbürokratischen Einsatz von Balkonsolaranlagen bis 800 Watt. Der griechische Energieminister brachte es auf den Punkt: Energiedemokratie bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Energie selbst erzeugen und die Kontrolle über ihre Kosten zurückgewinnen.
4. Das UN-Hochseeschutzabkommen: Deutschland macht Ernst
Regelmäßige Leserinnen und Leser der Klimakolumne erinnern sich: In der Juni-Ausgabe musste ich kritisch anmerken, dass die Ratifizierung des historischen UN-Hochseeschutzabkommens (BBNJ) im Deutschen Bundestag zäh dahinschleppte. Das wichtige Gesetzgebungsverfahren drohte im politischen Tagesgeschäft unterzugehen.
Jetzt gibt es den entscheidenden Durchbruch: Bundesumweltminister Carsten Schneider hat bei den Vereinten Nationen in New York offiziell die deutsche Ratifizierungsurkunde hinterlegt. Zuvor hatte der Bundestag das nationale Hochseeschutzgesetz verabschiedet. Damit wird das Abkommen in diesem Monat für alle deutschen Akteure – von der Forschung bis zur Handelsschifffahrt – rechtsverbindlich.
Deutschland reiht sich also endlich in die Gruppe von knapp 100 Staaten ein, die Nägel mit Köpfen machen. Das bedeutet konkret: Wenn im Januar 2027 in New York die allererste Ozean-Weltklimakonferenz (BBNJ COP 1) zusammentritt, sitzt Deutschland als voll stimmberechtigter Partner am Tisch. Zusammen mit Ländern wie Brasilien, Chile und Senegal werden bereits konkrete Vorschläge für die ersten echten Schutzgebiete auf Hoher See ausgearbeitet. Ein wichtiger Meilenstein für das größte Ökosystem unseres Planeten.
5. Historischer Wendepunkt: Erneuerbare überholen Kohle weltweit
Manchmal muss man kurz innehalten, um die historische Tragweite einer Zahl zu ermessen. Der aktuelle Global Electricity Review 2026 von Ember markiert einen echten Wendepunkt der Industriegeschichte: Im vergangenen Jahr haben erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Wasserkraft) weltweit erstmals mehr Strom erzeugt als die Kohle.
Die Erneuerbaren erreichten einen Anteil von 33,8 Prozent an der weltweiten Stromerzeugung, während die Kohle auf 33,0 Prozent fiel. Man muss in den Geschichtsbüchern bis ins Jahr 1919 zurückblättern – in die Zeit vor der weltweiten Massenelektrifizierung –, um einen Moment zu finden, in dem Kohle nicht die dominante Stromquelle der Welt war.
Der Treiber dieser Entwicklung ist die Solarenergie: Die globale Solarstromerzeugung wuchs um spektakuläre 30 Prozent an. Zusammen mit Wind- und Wasserkraft deckten die Erneuerbaren das gesamte Wachstum der weltweiten Stromnachfrage ab. Die Folge: Erstmals außerhalb einer globalen Wirtschaftskrise ist die fossile Stromerzeugung weltweit netto geschrumpft. Der Zenit des fossilen Zeitalters ist überschritten, auch wenn dessen Vertreter nach wie vor alles tun, und zwar wirklich alles, um das Geschäftsmodell noch so lange wie möglich auszuquetschen.
6. Balkonsolar: Die Energiewende im eigenen Wohnzimmer
Großprojekte wie ERO in Regensburg oder internationale Verträge sind unverzichtbar. Aber die Energiewende entfaltet ihre stärkste psychologische Durchschlagskraft dort, wo sie den Alltag der Menschen erreicht. In Deutschland erleben wir gerade eine veritable Bürgerbewegung auf den Balkonen.
Laut Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur sind mittlerweile über 1,4 Millionen Steckersolargeräte offiziell registriert. Der Branchenverband Balkon.Solar e.V. geht unter Berücksichtigung unregistrierter Anlagen von zwei bis drei Millionen Geräten an deutschen Fassaden, Balkonen und Garagendächern aus.
Das bedeutet: Etwa 5 bis 7 Prozent aller deutschen Haushalte erzeugen heute bereits einen Teil ihres Stroms selbst. Aus einer einst belächelten Nische für Technik-Enthusiasten ist ein Massenphänomen geworden. Wenn Menschen erleben, wie sich der eigene Stromzähler bei Sonnenschein verlangsamt, verwandeln sie sich von passiven Konsumenten in aktive Gestalter. Das ist Dezentralisierung im besten Sinne.
(Beratung zu Balkonkraftwerken am BERR Stand in Regensburg)
Fazit: Vom Fußabdruck zum Handabdruck
Vom Bürgersolarpark in Regensburg über die Energiedemokratie in Griechenland bis hin zum weltweiten Abstieg der Kohle: Die Nachrichten dieses Oktobers zeigen ein klares Muster. Die Transformation ist kein ferner Wunschtraum mehr, sie geschieht hier und jetzt.
Lassen wir uns also nicht einreden, unser Handeln sei wirkungslos. Die fossile Industrie hat vor Jahrzehnten das Konzept des individuellen „ökologischen Fußabdrucks“ erfunden, damit wir uns mit schlechtem Gewissen und gegenseitigen Schuldzuweisungen zerreiben.
Setzen wir den ökologischen Handabdruck dagegen! Das ist das Zwiebelschalen-Prinzip der Selbstwirksamkeit: Es beginnt bei der eigenen Haltung und dem bewussten Nachrichtenkonsum. Es setzt sich fort im Alltag – etwa bei der Entscheidung für eine Mitgliedschaft in einer Energiegenossenschaft oder der Montage eines Balkonkraftwerks. Und es mündet im politischen Wirken: Wenn wir unsere Stimmen erheben, Kommunen fordern, dort auch Aufgaben übernehmen und einfordern, dass die Rahmenbedingungen für die Zukunft gestaltet werden.
Es wird auch künftig Rückschläge geben. Aber die Gesetze der Physik und die Dynamik der Erneuerbaren lassen sich nicht mehr aufhalten. Wir machen weiter.






Vielen Dank Peter, das ist sehr inspirierend und wird mir an unseren Grünen Infoständen und in Gesprächen helfen: Gute Nachrichten mit Perspektiven statt Rechtfertigungsdruck 💚