
Manchmal könnte ich aus der Haut fahren. Ich meine diejenigen Momente, in denen mich eine Mischung aus Zorn und Frustration packt, und zwar darüber, mit welcher Leichtigkeit und Ignoranz wir die größte existenzielle Krise der Menschheitsgeschichte auf die lange Bank schieben. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich prinzipiell ein ruhiger und bedächtiger Mensch bin. Trotzdem platzt mir bei diesem Thema öfter - zumindest innerlich - der Kragen. Täglich und wöchentlich werden neue „Aufreger“ durchs Dorf getrieben, und wir alle reiben uns in dazu passenden Scheindebatten auf, während draußen die physikalische Realität unerbittlich Fakten schafft. Die größte Hitze ist für dieses Jahr schon wieder vorbei, die meisten Waldbrände gelöscht, und die Sturzflut im Himalaya ist, tja, weit weg.
„Don’t Look up“ fällt mir ein, der Film von Adam McCay. Unbedingt anschauen! Ein Komet rast auf die Erde zu, die Menschheit will lieber über Promi-Klatsch und die kommenden Wahlen diskutieren. Der Film ist, so hat der Urheber mehrfach betont, eine Metapher für die Klimakatastrophe und für unseren Umgang damit. Und jetzt hat Adam MacCay gerade einen Text geliefert mit dem Titel „Die massive Klimalüge welche die menschliche Zivilisation zerstören wird“. Fett aufgetragen möchte man sagen, und geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Dann schauen wir uns diese Geschichte doch mal etwas genauer an.
Übrigens noch vorab: Dass der im Film gezeigte Umgang mit einer kommenden Katastrophe keine Hollywood-Erfindung ist, belegen die Zahlen der Initiative Klima vor acht. Sie haben rund 1,6 Millionen Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sender analysiert. Das Ergebnis ist ernüchternd: Während bei Krisen wie Corona oder aktuellen politischen Skandalen sofort das gesamte Programm umgestellt wird, klafft beim Thema Klima eine strukturelle Lücke. Die Berichterstattung beschränkt sich meist auf kurze Ausschläge bei Gipfeln oder extremen Katastrophen. Aber sobald das Hochwasser abfließt, wandert das Thema wieder an den Rand.
Adam McKay hat dafür ein drastisches Bild geprägt: Wir verhalten uns wie eine Gruppe von Delfinen, die massenhaft stranden, weil ein Parasit ihr Echolot zerstört hat. Unser gesellschaftliches Orientierungssystem ist gestört. Wenn monströse Hitzewellen oder Unwetter auftreten, behandeln wir sie als isolierte „Freak-Unfälle“ – losgelöst von der rasend schnellen Umwälzung unseres Erdsystems. Und wir belügen uns und unsere Mitmenschen laufend selber. Um diese Lügen geht es also.
Die erste Lüge: Wir haben noch Zeit
Wenn unser gesellschaftlicher Kompass also dauerhaft gestört ist – welche beruhigende Geschichte erzählen wir uns dann eigentlich selbst, so dass wir trotzdem einigermaßen ruhig schlafen können?
Die gefährlichste Erzählung unserer Zeit ist längst nicht mehr die plumpe Leugnung des Klimawandels. Die hartgesottenen Leugner sind eine schrumpfende Minderheit. Die wirklich zerstörerische Lüge kommt heute aus der vermeintlich „vernünftigen Mitte“. Sie heißt:
„Wir haben noch Zeit.“
McKay vergleicht diese Lebenslüge mit einem Kürbis: Die ungeschminkte, rohe Wahrheit ist wie ein ungenießbarer, faseriger Kürbis, den niemand essen mag. Aber wenn man ihn mit reichlich Zucker, Gewürzen und einer buttrigen Kruste überzieht und in den Herd schiebt, wird daraus ein verführerischer „Pumpkin Pie“. Eine bequeme Lüge, die wir nur allzu gerne schlucken, weil sie uns von der Pflicht befreit, jetzt sofort etwas zu verändern.
Net Zero, Klimaneutralität und Treibhausgas-Budget
In Deutschland heißt dieser Zuckerguss aktuell „Klimaneutralität 2045“. Damit ist das gemeint, was international als „Net Zero“, als Nettonull an CO2-Emissionen also, beschrieben wird. Ein Stichtag in einigermaßen weiter Ferne suggeriert, wir könnten erst einmal munter weiter fossile Infrastrukturen nutzen, Autobahnen bauen, Verbrenner fahren und die Transformation vertagen. Aktuell wird sogar von manchen politischen Akteuren gefordert, selbst dieses Ziel noch einmal nach hinten zu verschieben. Im bayerischen Landtag ist genau das vor kurzem geschehen (Klimaneutral 2045 statt wie früher beschlossen „schon“ 2040). Doch die Atmosphäre verhandelt nicht. Wie der Kognitionspsychologe Christian Stöcker in einem hörenswerten Podcast aufzeigt, interessiert die Physik nur die kumulative – also die historisch aufsummierte – Menge an Treibhausgasen. Und bei den historischen Emissionen liegt Deutschland weltweit auf Platz vier, gleich hinter Giganten wie den USA, China und Russland. Wir haben unser Treibhausgas-Budget längst überzogen. Das wäre die Menge an Treibhausgas-Emissionen, die jedem Menschen zusteht, ohne dass sich die Atmosphäre über Gebühr erwärmt. Trotzdem betreiben Teile der Politik und Wirtschaft munter Lobbyarbeit, um Klimaziele weiter nach hinten zu schieben – und wälzen die immensen Kosten der Folgeschäden bequem auf die Allgemeinheit und auf zukünftige Generationen ab.
Risikomathematik und die Konsequenzen
Was wir mit dieser Verzögerung aufs Spiel setzen, rechnet eine aktuelle Risikoanalyse von Versicherungsmathematikern der Universität Exeter vor: Bei 2 Grad Erwärmung geraten die Lebensgrundlagen von zwei Milliarden Menschen ins Wanken. Bei 3 Grad wäre die Hälfte der Menschheit betroffen. Das klingt dystopisch, solche Entwicklungen mag und kann ich mir gar nicht vorstellen. Die Zahlen sind auch deutlich höher als diejenigen anderer Quellen. Man muss aber dazu wissen, dass die Autoren absolut renommierte und hoch qualifizierte Versicherungsmathematiker (Aktuare) sind. Sie wissen genau, wie man mit Risiken umgeht. Die klassische Naturwissenschaft (wie die Quellen des IPCC) neigt prinzipiell zu extremer Zurückhaltung („erring on the side of least drama“); sie äußert Warnungen erst dann, wenn eine extrem hohe Daten- und Beweisdichte vorliegt.
Das Risikomanagement der Aktuare hingegen funktioniert umgekehrt: Es fragt nicht nur, was höchstwahrscheinlich passiert, sondern „Was ist das Schlimmste, das passieren kann und wie verhindern wir es?“. Wenn ein Schiff auf einen Eisberg zusteuert, wartet ein Risikomanager nicht, bis er die genaue Härte des Eises bewiesen hat, sondern rät sofort zum Ausweichen. Deshalb liefert die Studie eine realistischere Einschätzung der tatsächlichen Bedrohungslage für die menschliche Sicherheit als herkömmliche, konservative Wirtschaftsmodelle.
Das Risiko-Szenario der „Planetaren Zahlungsunfähigkeit“ (Planetary Solvency)
(Hinweis: Bei den genannten Zahlen handelt es sich laut den Studienautoren ausdrücklich nicht um absolute Punktprognosen oder Vorhersagen, sondern um professionelle Risikoszenarien zur Bewertung des absoluten Katastrophenpotenzials – ähnlich wie bei Stresstests in der Finanz- und Versicherungswelt.)
Und McKay bringt es auf den Punkt:
Wir riskieren den endgültigen Verlust des Holozäns – jener 11.000 Jahre dauernden, extrem stabilen Klimaphase, die Ackerbau, Städte, Zivilisation und Wohlstand überhaupt erst möglich gemacht hat.
Warum wir uns gerne selber belügen: Die kognitive Dissonanz
Warum klammern wir uns so verbissen an diesen süßen Kuchen der Verzögerung? Sind wir einfach dumm, bösartig oder ignorant?
Die Psychologie bietet eine Erklärung, die wir vermutlich alle von uns selbst kennen: Es ist die kognitive Dissonanz. Dieser schmerzhafte Konflikt im Kopf entsteht, wenn unser fundiertes Wissen im krassen Widerspruch zu unserem täglichen Handeln steht. Wir wissen um die Katastrophe, aber wir schätzen auch liebgewonnene Gewohnheiten, Flugreisen, Konsummuster und Bequemlichkeit. Da wir unser Verhalten nur äußerst ungern schlagartig verändern, passen wir lieber unsere Wahrnehmung, unsere Kognition an. Wir flüchten uns in Beruhigungspillen:
„Was bringt es denn, wenn ich auf Fleisch verzichte oder Deutschland nur zwei Prozent der weltweiten Emissionen beiträgt?“
Diese menschliche Schwäche wird von interessierten Kreisen gezielt bewirtschaftet. Ingmar Rentzhog von We Don’t Have Time beschreibt in seinem Essay, was passierte, als Adam McKay seinen Text veröffentlichte. McKay wurde sofort massiv attackiert – aber nicht für seine stichhaltigen Argumente, sondern für sein Haus in Irland und seine angeblichen Flugreisen. Das ist der sogenannte „Reinheitstest“ (purity test): Sobald jemand das System kritisiert, wird peinlich genau darauf geschaut, ob diese Person auch absolut perfekt lebt. Fliegt der Aktivist? Isst der Wissenschaftler Fleisch?
Auch Rentzhog gesteht offen ein: Er fliegt manchmal, er isst manchmal Fleisch. Wir können uns nicht einfach aus dem System, in dem wir leben, herausbeamen. Aber wir müssen nicht unfehlbar sein, um sinnvolle und wichtige Systemkritik üben zu dürfen. Da niemand in einer fossilen Welt völlig unschuldig leben kann, gelingt es der fossilen Lobby so, die Diskussion vom System auf das Individuum zu verlagern. Wir sollten uns erinnern: Der Begriff des „individuellen CO₂-Fußabdrucks“ war eine millionenschwere PR-Erfindung von BP, um die Verantwortung von den Konzernen auf den einzelnen Verbraucher abzuschieben.
Die zweite Lüge: Es ist zu spät
Wenn die Illusion vom „Wir haben Zeit“ langsam bröckelt, wartet bereits die nächste Falle auf uns: Die zweite Lüge. Sie lautet:
„Es ist eh schon zu spät, wir können gar nichts mehr tun.“
Das Entlarvende daran: Beide Lügen – „Wir haben Zeit“ und „Es ist zu spät“ – führen zum exakt selben Ergebnis. Wir verharren in Schockstarre.
Wir tun nichts.
Spätestens jetzt ist es höchste Zeit für ein „Trotzdem“. Echtes Handeln und begründete Zuversicht beginnen nicht mit schöngefärbten Erlösergeschichten und erst recht nicht mit müder Resignation. Sie beginnen dort, wo wir die kognitive Dissonanz aushalten und uns ehrlich machen: Ja, wir werden einige Schäden nicht mehr verhindern können. Das Zeitfenster schließt sich. Aber jedes Zehntelgrad entscheidet über Lebensgrundlagen. Es ist eben nicht zu spät, das Schlimmste zu verhindern.
Der Wandel findet längst statt. Für jeden Dollar, der weltweit noch in fossile Energien fließt, werden heute bereits zwei Dollar in Erneuerbare investiert. Die Technologien stehen bereit, das Wissen ist da. Wie Rentzhog es auf den Punkt bringt: Verzögerung tötet. Geschwindigkeit rettet.
Ich bin Freizeitgärtner, und auf meinen Komposthaufen sind schon einige wunderbare Kürbisse gewachsen. Und daraus sind äußerst schmackhafte Kürbisgerichte entstanden. Diese hat Adam McCay mit seiner Metapher von der „süßen Lebenslüge“ sicher nicht gemeint. Im Grunde geht es stattdessen um all die Lügen, die uns aufgetischt werden, mit denen wir uns selber einlullen, und die am Ende immer dieses Ergebnis haben: Nichtstun.
Wenn also jemand mal wieder suggerieren will, wir hätten noch Zeit, fragen wir konsequent nach:
Zeit wofür genau? Und auf wessen Kosten?
Ob in der Bürgerenergie vor Ort, beim Gestalten des eigenen ökologischen Handabdrucks oder im unbequemen Gespräch am Esstisch: Aktives Tun ist das einzige wirksame Mittel gegen Ohnmacht und Zynismus. Es gibt jede Menge Menschen, Initiativen, Institutionen und Ideen, die solche Lügen laufend entlarven und dagegen ankämpfen.
Das geht, obwohl die Fossilgesellschaft ihre Geschäftsmodelle weiter ausquetschen will, obwohl sie unglaublich viel Geld in entsprechende Propaganda steckt, und obwohl wir alle oft die kognitive Dissonanz in unseren Köpfen fast nicht aushalten können.
Trotzdem - und gerade erst recht!






