Bei der Arbeit an neuen Artikeln in meiner Klimakolumne sind inzwischen ein paar Begleiter immer in der Nähe. Sie heißen NotebookLM, Gemini, Claude und noch ein paar andere. Sie helfen mir enorm bei der Recherche, sie fassen mir umfangreiche Klimastudien und andere wissenschaftliche Arbeiten zusammen und sie werten Metastudien aus, die sich wiederum auf Originalarbeiten beziehen. Manchmal liefern mir die KI-Instrumente auch Gliederungsentwürfe oder sogar einzelne Textbausteine. Wenn ich dann am Ende den fertigen Text (selber!) geschrieben habe, kontrollieren sie diesen vorsichtshalber noch auf sachliche, stilistische oder Rechtschreibfehler.
Ich bin fasziniert davon, wie viel Zeit, Übersicht und Inspiration mir diese „kleinen“, persönlichen Helferlein verschaffen.
Genau aus dieser eigenen Erfahrung heraus beobachte ich die öffentliche Debatte um KI mit wachsender Sorge. Denn während Millionen von uns KI im Alltag schätzen lernen, tobt da draußen ein verstörender Kulturkampf. Ganz aktuell (September 2026) sorgen apokalyptische Warnungen von äußerst kompetenten KI-Spezialisten für einige Aufregung, sogar die Chefs der größten Firmen melden sich lautstark und wünschen sich, dass der Staat sie stärker kontrolliert. Ein einigermaßen seltsamer Vorgang, finde ich, weil doch diesen Leuten ansonsten nichts heiliger ist als die Selbstheilungskräfte des sogenannten Marktes. Den Staat als Kontrollinstanz verteufeln sie dagegen gerne bei jeder Gelegenheit.
Zur aktuellen Aufregung will ich im Folgenden nichts beitragen, aber mich beschäftigt schon seit einiger Zeit, ob Künstliche Intelligenz in all ihren Ausprägungen etwas zur Eingrenzung der Klimakatastrophe beitragen kann, oder ob der enorme Energiehunger der Rechenzentren nicht das Problem der Treibhausgasemissionen nicht noch sogar in einem gigantischen Ausmaß verstärkt.
Vorab schon mal diese Einschätzung: Künstliche Intelligenz ist als Technologie viel zu mächtig, zu nützlich und zu wertvoll, als dass wir sie verdammen oder verweigern sollten. Das eigentliche Problem sind nicht die mathematischen Formeln und Algorithmen. Das Problem sind die Eigentümer dieser Systeme – eine Handvoll digitaler Tech-Oligarchen – und das eklatante Fehlen jeglicher ökologischer und demokratischer Regulierung.
Was spricht also aus Klimasicht für oder gegen die KI?
Die großen Hoffnungen – Wo KI zum echten Verbündeten im Klimaschutz wird
Bevor wir über die Schattenseiten sprechen, müssen wir die echten Erfolge anerkennen. KI ist viel mehr als eine bessere Suchmaschine. In den Händen von WissenschaftlerInnen und ÖkologInnen ist sie ein Hochleistungswerkzeug für eine echte ökologische Transformation.
(Hier nur ein paar wenige Beispiele, die Reihe ließe sich sehr lange fortsetzen.)
Intelligente Stromnetze und Erneuerbare Energien
Eines der größten Probleme der Energiewende ist die Schwankung von Wind und Sonne. Hier leistet KI bereits Erstaunliches: Moderne Algorithmen werten Wetterdaten und Verbrauchsmuster in Echtzeit aus. Sie können minutengenau prognostizieren, wie viel Solarstrom erzeugt wird, und steuern Batterien sowie flexible Industrieverbrauche so, dass das Stromnetz stabil bleibt. Das macht fossile Reservekraftwerke zunehmend überflüssig.
Live-Schutz für Wälder und Ökosysteme
Im Kampf gegen die weltweite Entwaldung hat KI die Umweltüberwachung revolutioniert. Organisationen wie Omdena oder das UN-Klimakrisensekretariat nutzen KI-gestützte Satellitenbildanalysen, um illegale Rodungen im Regenwald fast in Echtzeit zu erkennen. Beim „Project Guacamaya“ im Amazonaskamm oder dem „FAIR Forward“-Projekt in Indonesien kombiniert KI Satellitenbilder mit Tonsensoren vor Ort, um Kettensägengeräusche sofort zu melden und schützenswerte Wälder mit hohem Kohlenstoffspeicher („High Carbon Stock“) präzise zu kartieren.
Durchbrüche in der Klimaforschung und Materialwissenschaft
Klimamodelle erfordern gigantische Rechenleistungen. KI hilft heute dabei, die Simulation von Extremwetterereignissen wie Dürren oder Hurrikans drastisch zu beschleunigen und präziser zu machen. Zudem durchforstet KI biochemische Datenbanken, um neue Materialien für effizientere Solarzellen, leichtere Fahrzeugbatterien oder umweltfreundliche Zementalternativen zu entdecken.
„Wir dürfen den öffentlichen Diskurs über KI nicht nur auf Sprachmodelle und Konsumanwendungen verengen. In der Wissenschaft erlaubt uns maschinelles Lernen, riesige Umweltdaten miteinander sprechen zu lassen und Zusammenhänge zu erkennen, die uns früher entgangen wären.“
(Tara O’Shea, Direktorin der Natural Climate Solutions Initiative an der Stanford University)
Die Potenziale sind also gewaltig. Doch sie entfalten sich nicht automatisch zum Wohl der Allgemeinheit, solange rein kommerzielle Marktlogiken das Ruder führen.
Die dunkle Seite – Energiehunger, „Enabled Emissions“ und die Verrücktheiten der Tech-Bros
Schaut man hinter die glänzenden Werbefassaden der Tech-Konzerne, offenbart sich ein ökologisches und ökonomisches Desaster.
Der direkte Fußabdruck: Strom, Wasser und Müllberge
Der Betrieb von KI erfordert Spezialrechenzentren mit enormer Leistungsdichte. Eine umfassende Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace zeigt das Ausmaß:
Explodierender Strombedarf: Bis zum Jahr 2030 wird sich der weltweite Stromverbrauch von KI-Spezialrechenzentren gegenüber 2023 etwa verelffachen. Allein in den USA könnten Rechenzentren bald mehr Strom verbrauchen als die gesamte Schwerindustrie (Stahl, Zement, Chemie) zusammen [19]. Um diesen Hunger zu stillen, verlängern Tech-Konzerne die Laufzeiten fossiler Kraftwerke oder planen in den USA 74 neue Gaskraftwerke.
Massiver Wasserverbrauch: Die Serverkühlung erfordert gigantische Wassermengen. Der globale Wasserverbrauch von Rechenzentren steigt von 175 Milliarden Litern (2023) auf prognostizierte 664 Milliarden Liter im Jahr 2030 – oft in Regionen, die bereits unter akuter Trockenheit leiden.
Elektronikschrott: Durch die extrem kurzen Innovationszyklen der KI-Chips drohen bis 2030 bis zu 5 Millionen Tonnen zusätzlicher E-Schrott.
Der weitaus größere Skandal: „Enabled Emissions“ (Big Oil & KI)
Die Debatte starrt bisher fast nur auf den Stromverbrauch der Rechenzentren. Doch die Journalistin Emily Atkin („HEATED“) und eine bahnbrechende wissenschaftliche Studie im Fachjournal „npj Climate Action“ enthüllten eine noch verstörendere Skandalgeschichte.
Tech-Riesen wie Microsoft, Google und Amazon entwickeln maßgeschneiderte KI-Software für die größten Öl- und Gaskonzerne der Welt (darunter ExxonMobil und Chevron).
Diese Spezial-Software hilft der fossilen Industrie, neue Erdöl- und Erdgaslagerstätten schneller zu entdecken, Bohrungen präziser anzusetzen und die Fördermengen zu maximieren.
Die Forschenden Holly und Will Alpine berechneten die sogenannten „Enabled Emissions“. Das Ergebnis ist schockierend:
Die CO2-Emissionen, die Big Oil durch den Einsatz von KI zusätzlich erzeugt, sind 3,3- bis 13,3-mal höher als der gesamte Stromverbrauch aller KI-Rechenzentren weltweit
Selbst wenn KI gleichzeitig dabei hilft, Erneuerbare Energien zu optimieren, reicht das bei Weitem nicht aus: KI müsste den Erneuerbaren 4- bis 5-mal mehr nutzen als der fossilen Industrie, nur damit die globale Emissionsbilanz nicht ins Plus rutscht. In der Realität beschleunigt KI aktuell jedoch vor allem das fossile Geschäft.
„Es ist frustrierend für uns zu sehen, dass die öffentliche Diskussion bei den betrieblichen Emissionen der Rechenzentren aufhört. Wir können gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist einzubeziehen, wofür Künstliche Intelligenz tatsächlich genutzt wird: Sie hilft Big Oil, fossile Rohstoffe schneller und billiger als je zuvor aus dem Boden zu holen.“
(Holly Alpine, ehemalige Microsoft-Managerin und Gründerin der „Enabled Emissions“-Kampagne)
Diese Erkenntnis kann eigentlich nicht wirklich überraschen, der Schulterschluss von Big Oil und den Techies entspricht einfacher Markt-Logik. Die tatsächlichen Ausmaße und Zahlen sind dann aber doch erschreckend, finde ich.
Leah Stokes und die Verrücktheiten der Tech-Bros
Die US-Klimawissenschaftlerin Leah Stokes legt offen, wie die Führungseliten des Silicon Valley die Debatte gezielt steuern. Während Tech-Milliardäre wie Sam Altman öffentlich vor dystopischen Untergangsszenarien („10 % Risiko der Menschheitsauslöschung durch KI“) warnen, nutzen sie diese Ablenkung, um ihre eigenen Klimaversprechen leise zu entsorgen.
Verdrängung der Energiewende: Die Energiewende benötigt sauberen, erneuerbar erzeugten, sauberen Strom für Elektroautos, Wärmepumpen und Züge. KI zieht diesen ab und blockiert den Netzausbau.
Gebrochene Versprechen: Google steigerte seine Emissionen seit der KI-Offensive um 80 %, Amazon um 60 %. Meta trat klammheimlich aus Bündnissen für 100 % Ökostrom aus.
Größenwahn in Louisiana: Mark Zuckerberg baut für Meta ein Rechenzentrum namens „Hyperion“, das so groß ist wie Manhattan. Betrieben wird es von zehn neuen Gaskraftwerken, die jährlich 12 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – so viel wie fast 3 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor.
„KI verdrängt den Klimaschutz auf zwei Arten: Sie frisst unsere gesamte Aufmerksamkeit und alle sauberen Elektronen. Es ist viel einfacher, eigene Unternehmens-Klimaversprechen über Bord zu werfen, wenn man sich einredet, KI sei eine noch dringendere existenzielle Bedrohung für die Menschheit.“
(Prof. Leah Stokes, Politikwissenschaftlerin und Umweltökonomin)
Die Crash-Gefahr der KI-Blase
Der renommierte Wirtschaftshistoriker Prof. Adam Tooze warnt zudem vor den ökonomischen Verwerfungen dieser Entwicklung. Wir erleben eine extrem ungesunde, gespaltene Wirtschaft („K-shaped Economy“) : Während die Realwirtschaft schwächelt, treiben wenige Hardwarekonzerne wie Nvidia die Börsenkurse auf astronomische Höhen. Diese Konstellation ist laut Adam Tooze ziemlich selten und auch ziemlich ungesund.
Dabei entsteht ein gefährlicher Inzest-Kreislauf („One play, one firm“): BigTech-Giganten investieren Milliarden in KI-Start-ups, die dieses Geld sofort wieder für Cloud-Dienste und Chips der Geldgeber ausgeben. Auf dem Papier entstehen gigantische Buchgewinne, doch funktionierende Geschäftsmodelle abseits der Spekulation fehlen bisher weitgehend. Platzt diese Blase, droht ein systemischer Finanzcrash. Schon heute spüren Bürgerinnen und Bürger in den USA die Folgen: Durch den rücksichtslosen Netzausbau für Rechenzentren steigen die Strompreise für normale Haushalte drastisch an.
„Es baut sich mittlerweile eine systemrelevante Blase auf, die sich vor allem um die Hardware-Giganten zentriert. Und diese spekulative Blase trifft auf eine reale Ökonomie, in der die Bevölkerung bereits unter steigenden Stromkosten und massiver Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt leidet.“
(Prof. Adam Tooze, Wirtschaftshistoriker an der Columbia University)
Der Stromverbrauch durch die Rechenzentren ist allerdings regional sehr unterschiedlich. In ganz Europa landet derzeit ungefähr 1,6% des produzierten Stroms in den Rechenzentren, in Irland allein sind es allerdings 20%.
Nicht die Technologie verdammen – sondern die Oligarchen regulieren!
Wenn wir all diese Puzzleteile zusammenfügen, werden die politischen Notwendigkeiten für die kommenden Jahre überdeutlich. Es wäre naiv und grob fahrlässig, KI pauschal als „Klimakiller“ zu verteufeln und sich der Technologie zu verweigern. Wir brauchen KI dringend für die Energiewende, die Medizin, die Erforschung unseres Ökosystems und viele andere durchaus wichtige Lebensbereiche.
Dass die Börsenlogik und das Profitstreben der KI-Firmen gemeinsam mit den Fossilgiganten die Emissionen in ganz neue Dimensionen steigen lassen, ist dagegen allerdings mehr als fatal.
Wünschenswert:
Verbot von KI für Big Oil: Es muss gesetzlich untersagt werden, dass Techkonzerne maßgeschneiderte KI-Modelle zur Erschließung und Maximierung fossiler Rohstoffe entwickeln. Ein frommer Wunsch, ich weiß, aber wir werden um solche Maßnahmen nicht herum kommen, wie auch immer sie durchgesetzt werden könnten.
Volle Transparenz plus grüne Standards: Rechenzentren müssen zu 100 % mit neu gebautem Ökostrom betrieben werden und ihren tatsächlichen Energie-, Wasser- und Ressourcenverbrauch offenlegen (wie im EU AI Act und von Greenpeace gefordert).
Gemeinwohl statt Monopole: Wir brauchen öffentlich geförderte, transparente Open-Source-KI-Modelle, die gezielt für gesellschaftliche Aufgaben und den Klimaschutz entwickelt werden, anstatt Milliardenprofite auf Kosten der Umwelt einzufahren.
Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug. Welches Kapitel der Menschheitsgeschichte wir damit schreiben, liegt nicht an den Computern – sondern daran, ob wir den Mut aufbringen, die Profiteure dieser Technologie demokratisch in die Schranken zu weisen. Und zwar schnell. Die KI-Agenten sind nämlich mächtig auf dem Vormarsch, sie flutschen ihren Machern immer öfter durch die Finger und könnten uns allen noch sehr böse Überraschungen bescheren.
Quellen
Alpine, W., Geldner, N., Alpine, H., & Chepeliev, M. G. (2026): „AI-driven productivity gains enable more CO2 emissions than they avoid in a global energy–economy model.“ In: „npj Climate Action“.
Atkin, Emily (2026): „AI’s climate problem is worse than we thought.“ In: „HEATED“ (August 2026).
Greenpeace e.V. / Öko-Institut (2025): „Umweltauswirkungen Künstlicher Intelligenz. Studie zu Strom-, Wasser- und Ressourcenbedarf von Rechenzentren.“ Hamburg/Berlin.
Institut Veolia (2025): „AI and Water: Direct and indirect impacts of data centers on global freshwater resources
Stokes, Leah (2026): „Pick Your Apocalypse: Climate vs. AI Doom.“ In: „Notes from the Electric Era“ (September 2026).
Tooze, Adam / Surplus Magazin (2026): „KI-Bubble: Kommt der große Crash?“ Videodialog zur K-förmigen Wirtschaft und Nvidia.
UNFCCC Technology Executive Committee (2024): „Draft technical paper on AI for climate action: Advancing Mitigation and Adaptation in Developing Countries.“ (TEC/2024/29/6).



