Vor drei Jahrzehnten habe ich beim Ökologischen Jagdverband meinen Jagdschein gemacht. Mich hat damals fasziniert, dass es dort nicht um Trophäen ging, sondern um das Verstehen von Ökosystemen. Wer Jahre und Jahrzehnte im selben Revier hinter dem eigenen Dorf unterwegs ist, entwickelt eine deutliche Vertrautheit mit diesem Flecken Erde. Man beobachtet Veränderungen, lernt in Zusammenhängen zu denken – und merkt mit der Zeit, wie empfindlich das Gefüge aus Wald, Wild und Boden ist.
Und genau dahin sollten mehrere riesige Windräder gebaut werden, so ging die Nachricht vor ein paar Jahren durch unser Dorf und auch die benachbarten Orte. Mitten in „meinem“ Wald! Zuerst war ich spontan dagegen, die Stimmung unter den Nachbarn tat ihren Teil dazu.
Doch je intensiver ich mich mit der Klimakrise beschäftigte, desto mehr kam ich ins Grübeln. Wenn wir den Ausbau der erneuerbaren Energien verweigern, beschleunigen wir eine globale Erwärmung, die am Ende genau diesen Wald noch viel irreparabler zerstören wird. Ich korrigierte meine Haltung und stimmte dem Kompromiss zu, ich bin seitdem sogar Mitglied der Energiegenossenschaft, die die Windräder betreiben will.
Kurz darauf wurde am Ende des Dorfes ein kleines Gewerbegebiet gebaut, ohne eine Verpflichtung, PV auf die Dächer zu installieren. Das passt irgendwie nicht zusammen. Einerseits greifen wir in ein einigermaßen intaktes Natursystem ein, um Strom zu erzeugen, andererseits nutzen wir bereits versiegelte Flächen nicht, um genau diesen erneuerbaren Strom zu gewinnen.
Artenschutz oder Klimaschutz?
Als ob das ein Gegensatz wäre. Manchmal klingt es allerdings so, von einigen Protagonisten mit unterschiedlichen (Hinter-)Gedanken werden die Biodiversitäts- und die Klimakrise gegeneinander ausgespielt. Zum Nutzen der Fossilfreunde und deren Bankkonten.
Exkurs: Warum Sprache hier präzise sein muss
In der Debatte werden Begriffe oft durcheinandergeworfen. Wenn wir von der Krise der Natur sprechen, hilft eine saubere Unterscheidung:
Artenschutz: Das praktische und oft gesetzliche Handeln vor Ort, um eine bestimmte Spezies (wie den Rotmilan oder die Wildkatze) vor konkreten Gefahren zu bewahren.
Artensterben & Artenschwund: Die Symptome der Krise. Artensterben beschreibt das endgültige Verschwinden von Spezies; Artenschwund den schleichenden Rückgang von Populationsgrößen (etwa das Verschwinden von 80 Prozent der Fluginsekten).Artenvielfalt: Ein reiner Zählwert – die bloße Anzahl verschiedener Arten in einem abgegrenzten Gebiet.
Biodiversität: Das wissenschaftlich einzig umfassende Konzept. Es beinhaltet weit mehr als reine Artenzahlen, nämlich drei untrennbare Ebenen:
Die Vielfalt der Ökosysteme und Lebensräume (Wälder, Moore, Meere).
Die Vielfalt der Arten darin.
Die genetische Vielfalt innerhalb der einzelnen Arten.
Letztere ist entscheidend: Nur eine hohe genetische Varianz erlaubt es einer Art, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Die biologische Vielfalt ist das eigentliche Lebenserhaltungssystem unser Erde. Deshalb greift der Begriff Biodiversität zwar etwas sperrig, aber wissenschaftlich am tiefsten.
Klimaschutz ist der beste Naturschutz – wenn er richtig gemacht wird
Um eines von vornherein unmissverständlich klarzustellen: Die Erderwärmung ist eine der drängendsten Bedrohungen der Menschheitsgeschichte. Nichts an den nachfolgenden Überlegungen soll den dringenden Bedarf an Dekarbonisierung, CO2-Einsparung und dem Ausbau erneuerbaren Energien infrage stellen. Wer die Notwendigkeit des Klimaschutzes relativiert, ignoriert den gesicherten Stand der Wissenschaft. Das wichtigste Motto heißt deshalb: Klimaschutz ist der beste Naturschutz – denn ohne ein stabiles Weltklima werden zahllose Arten und Ökosysteme schlicht nicht überleben.
Die Frage ist also keineswegs, ob wir das Klima schützen müssen, sondern wie wir es tun, ohne dabei das fundamentale Lebenserhaltungssystem unseres Planeten zu beschädigen.
Weltklimarat (IPCC) und Weltbiodiversitätsrat (IPBES) sprechen längst von einer „Zwillingskrise“. Beide Katastrophen speisen sich aus derselben Quelle – unserer übermäßigen Inanspruchnahme der Natur – und sie steuern sich wechselseitig. Klimawandel setzt Lebensräume unter Stress; sterben diese Lebensräume jedoch ab, verlieren wir unsere wichtigsten natürlichen Kohlenstoffsenken. Die Wälder, Moore und Ozeane absorbieren bisher über die Hälfte der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen. Zerstören wir sie durch technokratische Fehlplanungen, verliert das Klima seine stärkste Bremse.
Die berechtigte Mahnung der Biologie
Der Evolutionsbiologe Prof. Matthias Glaubrecht weist seit Jahren eindringlich darauf hin, dass der globale Schwund der Biodiversität bisher vor allem durch direkte Eingriffe getrieben wird: Flächenfraß, Landraub, die Intensivierung der Landwirtschaft und der Einsatz von Chemie. Seine Warnung ist fachlich begründet: Wenn wir Klimaschutz rein als CO2 - Einsparmathematik begreifen und dafür gedankenlos in naturnahe Räume eingreifen, kurieren wir ein Symptom, während wir das Gesamtsystem schwächen.
Allerdings entsteht genau hier eine heikle Flanke. Wenn Biologinnen und Biologen davor warnen, Windräder in schützenswerte Wälder zu bauen, wird diese Kritik nicht selten von Akteuren vereinnahmt, denen es weder um den Wald noch um die Biodiversität geht. Klimaskeptische Netzwerke, Anti-Windkraft-Initiativen oder lokale Bewegungen greifen solche Argumente gern auf, um den ökologischen Wandel insgesamt zu blockieren.
Das führt zu einer bitteren Ironie: Der Verweis auf die Biodiversität wird zur instrumentalisierten Ausrede, um am fossilen Status quo festzuhalten. Wer beim Windrad vor der eigenen Haustür plötzlich Sorge um den Rotmilan äußert, aber zum versiegelten Gewerbegebiet ohne Photovoltaik, zur industriellen Landwirtschaft oder zum Ausbau von Straßen schweigt, betreibt keinen Naturschutz.
Wie man auf der Erde lebt
Kürzlich habe ich den sehr empfehlenswerten Film „How to live on Earth“ gesehen. Der Film bringt unser zentrales gesellschaftliches Paradoxon berührend auf den Punkt: Während Millardäre wie Elon Musk davon träumen, Milliarden auszugeben, um irgendwann unwirtliche Eiswüsten auf dem Mars zu besiedeln, zerstören wir auf der Erde mit schwindelerregender Tempo die Grundvoraussetzungen unseres eigenen Lebens.
Die Kernbotschaft des Films ist eine Einladung zur Hoffnung: Bevor wir versuchen, auf den Mars auszuwandern, sollten wir erst einmal lernen, wie man auf der Erde lebt. Und das gelingt uns nur, wenn wir uns wieder als Teil der Biosphäre begreifen und lernen, mit der Natur zu arbeiten, anstatt gegen sie.
Das gilt auch für unser regionales Handeln vor Ort:
Erst die versiegelten Flächen nutzen: Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Gewerbedächer, Parkplätze und vorbelastete Infrastrukturflächen vollständig für die Solarenergie genutzt werden müssen, bevor intakte Naturräume oder Wälder überhaupt in Betracht gezogen werden.
Naturbasierte Lösungen stärken: Der wirksamste Schutz verbindet beide Aufgaben. Die Wiedervernässung von Mooren, der Umbau von Monokulturen in naturnahe Mischwälder und der Schutz von Auen speichern riesige Mengen Kohlenstoff und schaffen gleichzeitig schützenswerten Lebensraum.
Echtes Maß im Lokalen: Energiewende und Naturschutz sind keine gegensätzlichen Lager. Sie sind die zwei Seiten derselben Medaille, die wir zwingend zusammen denken müssen.
Die Jagd habe ich inzwischen weitgehend aufgegeben, ich bin mit dem Hund aber nach wie vor sehr oft und ausgiebig im Wald. Die Luft, die Farben und auch die Klänge dort sorgen für Freude, Gesundheit und Ehrfurcht. Der Konflikt liegt nicht zwischen Klimaschutz und Artenvielfalt. Er liegt in unserer Neigung, komplexe Krisen in isolierten Schubladen lösen zu wollen. Unsere Biosphäre („Gaia“, wie sie von James Lovelock genannt wurde) ist hoch komplex, sie besteht aus allen lebenden und nicht lebenden Systemen, diese greifen ineinander, sie helfen zusammen und wir sind ein Teil davon.
Es gibt also keinen wirksamen Naturschutz ohne ambitionierten Klimaschutz. Aber echter Klimaschutz gelingt nur, wenn er das Lebenserhaltungssystem unserer Erde – die biologische Vielfalt – beschützt und stärkt.
Fakten und Zahlen:
1 bis 2 Millionen bedrohte Arten:
Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) gibt offiziell rund 1 Million bedrohte Tier- und Pflanzenarten an (von geschätzten 8 Millionen Arten weltweit). Evolutionsbiologe Prof. Matthias Glaubrecht verweist auf europäische Hochrechnungen (u. a. Axel Hochkirch et al.), wonach bei Berücksichtigung der immensen Zahl unbeschriebener Wirbelloser (Insekten, Mollusken) weltweit bis zu 2 Millionen Arten vom Aussterben bedroht sind.
Radikaler Schwund der Säugetier-Biomasse (98 % vs. 2 %):
Nach den aktuellen Biomassestudien (Greenspoon, Milo et al. 2023/2025), auf die sich Glaubrecht stützt, entfallen heute rund 95 bis 98 % der Biomasse aller Landsäugetiere auf den Menschen (~35 %) und seine Nutztiere (~63 %). Auf sämtliche Wildtiere an Land verbleiben lediglich mickrige 2 bis 5 %.
Biomasseverlust bei Insekten (> 75 bis 80 %):
Basiert auf der Krefelder Studie (Hallmann et al. 2017) und europäischen Langzeitdaten, die einen Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse in Schutzgebieten Mitteleuropas um über 75–80 % über einen Zeitraum von knapp 30 Jahren nachweisen.
Haupttreiber: Landnutzungsänderung vor Klimawandel:
IPBES sowie neuere Metastudien (Keck et al. 2025 / WWF) bestätigen, dass Lebensraumverlust und Landnutzungsänderungen (Agrarintensivierung, Flächenfraß) der Treiber Nummer 1 für das Artensterben an Land sind. Der Klimawandel rangiert aktuell als Verstärker auf Platz 3, nimmt aber rasant an Fahrt auf.
Pufferfunktion der Natur (> 50 % CO2-Absorption):
Landökosysteme und Ozeane binden zusammen über 50 % aller menschlichen CO2-Emissionen (Ozeane ca. 25–30 %, Wälder/Böden ca. 25–30 %)
Entwicklung des Naturkapitals (Dasgupta Review):
Dasgupta belegt, dass das weltweite Naturkapital pro Kopf zwischen 1992 und 2014 um fast 40 % gesunken ist, während sich das produzierte Sachkapital verdoppelt hat. Humanity verbraucht aktuell rechnerisch 1,6 Erden pro Jahr.
Quellen:
IPBES (2019): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services – Summary for Policymakers. Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Bonn.
IPBES & IPCC (2021): IPBES-IPCC Co-Sponsored Workshop Report on Biodiversity and Climate Change. IPBES and IPCC.
Dasgupta, P. (2021): The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review. (Headline Messages). London: HM Treasury.
Glaubrecht, M. (2026): Klimawandel versus Artensterben? Vom stillen Sterben der Natur und dem Überleben des Menschen. Wissenschaftlicher Vortrag, VSEM / Netzwerk Saubere Energie München (sowie Präsentationsunterlagen 05/2026).
Greenspoon, L., Milo, R. et al. (2023/2025): The global biomass of wild mammals and livestock. Nature Communications / PNAS (zitiert nach Glaubrecht 2026).
NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. (2025): NABU-Grundsatzprogramm Klima. Für einen naturverträglichen Klimaschutz. Berlin.
Hallmann, C. A. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): e0185809 (Krefelder Studie, zitiert im Fakten-Check)



